Schreiben und Kritik

Hab PM das gestern fertig gewordene Kapitel geschickt. Er überfliegt nicht nur, er stellt Fragen. Überdenkt die Struktur, fällt Urteile. Seine Kritik ist immer produktiv, seine Anerkennung wie eine tolles Musikstück. Pink Floyd. Ich hab dann so einen Impuls sofort aufzuspringen und weiterzuarbeiten, auch oder gerade wenn es mitten in der Nacht ist. PM ist mein erster Leser. Ein Vielleser und in Sachen Stil höchst empfindlich. (Eine Neuerscheinung zusammen lesen: auch so ein Ding.) Er arbeitet selber gerade einen Artikel über eine neue OP-Methode aus. Er weiß, was es heißt zu veröffentlichen. Er weiß, was es heißt zu schreiben. Dass man reinhört, zuhört, dass man keine Rolle spielt. Es geht um die Sache, und die Sache bist du. That’s the Knackpunkt.

Veröffentlicht unter 2016

Max Mannheimer

Max Mannheimer ist gestorben. Einer der wirklich allerletzten Holocaust-Überlebenden kann nun nicht mehr die Verbindung zu unserer Nazi-Vergangenheit herstellen.

Was macht das mit uns? Wie halten wir das Vergessen auf, wenn die Zeugen fehlen?

Die eintätowierte Zahl 99 728 auf seinem linken Unterarm sei eine Telefonnummer, erklärte er seiner Enkelin. Die Familie habe er mit seiner Geschichte nicht so sehr belasten wollen.

Max Mannheimer, der mehrere KZs überlebt hat, war nicht nur Kaufmann, Buchautor und Maler. Seit 1990 war er der Präsident der Lagergemeinschaft Dachau und seit 1995 Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees.

Wie wichtig die Arbeit dieser beiden Gremien ist, kann jeder beurteilen, der mal in der KZ-Gedenkstätte Dachau gewesen ist.

Die letzten Sätze aus Mannheimers Spätes Tagebuch lauten:

Wir sind wieder Menschen. Wir können in ein Krankenhaus gehen, ohne Angst zu haben. Wir sind frei.

 

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Wissen und Zeit

Aus Information wird erst dann Wissen, wenn du ausreichend Zeit hast, die Information kontextmäßig im Gehirn so zu vernetzen, dass sich daraus Erkenntnis entwickeln kann. (Harald Lesch über Schule)

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Fragen sind sexy

Einfach irgendwo klingeln, reingehen, bisschen gucken, wie die Person so eingerichtet ist, und dann Fragen stellen:
Seit wann lebst du hier? Wo geht dieses Fenster raus? Warst du schon mal auf dem Dach des Hauses? Was ist in dem Schrank drin? Was machst du den Tag über? Womit beschäftigst du dich abends? Was hältst du von hartnäckigen Linksgehern? Was regt dich am meisten auf? Was ist dein Lieblingsduft? An was glaubst du? Was hoffst du? Was hat dich heute zum Lachen gebracht?
Wäre doch ein cooles Buchprojekt … Die meisten Menschen mögen es, gefragt zu werden. Fragen sind wie Seele streicheln.

Seit fünf Tagen krank, wegen übler Zahnbehandlung. Das ist nicht besonders amüsant. Normalerweise rede ich nicht über Krankheiten, weil ich selten krank bin und Krankheiten nicht mag. Abends mit Thea freundschaftliches Arbeitstreffen. Friedrich kommt am Montag nach Tübingen – hoffentlich klappts bis dahin besser mit dem Reden …

Friedrich ist ungeschlagener Meister im Fragen stellen. In der Regel hat er sie vorbereitet, er will dann wirklich irgendwas von dir / über dich wissen. Er kennt sich aus, mit welcher Frage er zu wem geht. Wenn du sie beantwortet hast, geht er entweder intensiv auf deine Antwort ein, oder es kann auch sein, dass er aufsteht und sich verabschiedet. Das ist unter Umständen sehr funny.

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Heimat V

Diese Frage nach der Heimat.

Wahrscheinlich habe ich hier im Holzparkett, direkt unter meinem Schreibtischstuhl, robustere Wurzeln geschlagen, als ich es gemeinhin behaupte. Tübingen. Die Stadt, in der ich lebe, liebe und arbeite. In dieser Reihenfolge. Süddeutsche Unikleinstadt, deren Einwohner einen gewöhnungsbedürftigen Dialekt sprechen, der Anderssprachige ausgrenzt. Gibt sich nach außen locker und gemütlich, ist im inner circle aber eher ungastlich. Meine tieferen Wurzeln sind, logo!, im Ruhrgebiet. In Kamen, Dortmund, Essen, den Orten meiner Vergangenheit. Fahre ich in die alte Heimat, wird mir warmumsherz, und ich fühle mich eins mit den Menschen, ihrer Sprache, den schwarzen Industrieanlagen und den schwarzroten Backsteinsiedlungen. Das ist etwas anderes: Unauslöschliches. Aber auch: Vergangenes, nicht mehr Wiederbelebbares, Abgelegtes, Gutes. Wurzelreste. Der Hauch von Nostalgie, der auch andere Orte durchweht, wo ich Leben verbracht habe. Oder verbringe, oder noch nicht weiß, wieviel ich noch verbringen werde. Gegenwart und Vergangenheit. Kiel, irgendwie und immer wieder. Und erst B.N. – Orte und Menschen. Leben und lieben. Familie. Meine Familie ist eine andere als meine Herkunftsfamilie. Gekappt, die braunen, schädlichen Wurzeln, als lebensrettende Maßnahme. Da vertraue ich nur mehr auf die frischen, noch hellen Wurzeln. Die unvergifteten. Unvoreingenommenen. Wohlwollenden. Dann ja, dann meinetwegen ist Blut dicker als Wasser. Im Allgemeinen mag ich Wasser lieber als Blut. Ich mag auch mehrere Heimaten. Selbstbestimmte. Die familiären Wucherwurzeln können mich mal. Ich habs nicht mit dem Blut. Und auch nicht mit dem Boden. Räume sind ja schön und gut, aber du kannst sie nicht mitnehmen. Sie sind außen, und irgendwann sind sie weg. Meine Heimat ist die Welt der Wörter. Die Welt der Geschichten. Die Welt der Kommunikation. Diese Welt kleidet mich von innen aus, sie ist um mich herum, ich kann sie tragen, wohin auch immer ich gehe. Sie ist verlässlich, zuverlässig verfügbar. Wie eine gute Mutter es sein sollte. Es ist eine verknüpfte, vernetzte und sehr dünnwandige Welt mit Abertausenden Luftwurzeln. Ohne die ich ersticken würde, ohne das Viele und die Vielen, die manchmal zu viel sind. Es ist eine Metawelt, in der das Geschehene, Gesehene, Erlebte sich in Wörter verwandelt. Durch Wörter gefiltert wird. So wie ein Maler die Welt in Bilder umwandelt und filtert. Um das Erlebte auszuhalten. Um zu überleben. Egal wo.

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Attacke auf Hilfskonvoi

Wer steckt hinter dem Bombenanschlag auf den UN-Hilfskonvoi nach Syrien/Aleppo? Etwa das russische Militär?
 
Heilige Sch…, man blickt nicht mehr durch. Es gibt sie nicht, die Guten und die Bösen, es gibt nur Eigeninteressen, nationale, aber durchaus auch persönliche, das musst du dir immer wieder klar machen als höchst unvollständig informierte Netzleserin.
 
Diese Geschichte jetzt mit dem Konvoi lässt einen so unvermittelt an den „versehntlichen“ Bombenangriff auf Assads Truppen durch US-Streitkräfte vor ein paar Tagen denken, dass ein Zusammenhang sich einfach aufdrängt. So wie es die USA auch interpretieren. No doubt!, für sie stecken Putin oder Assad dahinter. Doch weiß man es?
 
Schon einen Tag später, so lesen wir heute, scheint die Sache mit dem Luftangriff gar nicht mehr so sicher: „Wir sind nicht in der Lage festzustellen, ob es sich tatsächlich um einen Luftangriff gehandelt hat“, sagt ein Sprecher der Vereinten Nationen. Die frühere Formulierung „Luftangriff“ in UN-Erklärungen ginge vermutlich auf einen Fehler bei der Erstellung des Entwurfs zurück. Die UN hatten wie die USA zunächst von einer Bombardierung aus der Luft gesprochen. Damit würden als Verantwortliche für die Zerstörung von 18 der 31 Lastwagen nahe Aleppo insbesondere Russland oder Syrien infrage kommen.
 
Also alles nur ein Formulierungsfehler? Hm.
 
In einer Erklärung des russischen Verteidigungsministeriums heißt es, eine Foto-Analyse ergebe keine Belege dafür, dass der Konvoi aus der Luft angegriffen worden sei. „Es gibt keine Krater, und das Äußere der Fahrzeuge weist nicht die Schäden auf, die zu aus der Luft abgeworfenen Bomben passen würde“, heißt es. Vielmehr habe die Ladung des Konvois Feuer gefangen.
 
Putin weist vehement jede Schuld von sich.
 
Doch die USA – im Gegensatz zur UN? – halten an ihrer Darstellung fest. „Wir wissen nicht genau, was passiert ist, wir arbeiten noch daran“, sagt der US-Regierungsvertreter Brett McGurk. „Aber wir glauben, dass es ein Luftangriff war.“
 
Auch Russland kündigt eine Untersuchung des Zwischenfalls an. „Das Militär wird die Vorgänge vom 19. September prüfen, um alle Details zu klären“, teilt das Außenministerium in Moskau mit. Das Außenamt weist erneut Vorwürfe zurück, Russland könne in den Angriff verwickelt sein. „Mit Empörung nehmen wir die Versuche (…) wahr, der russischen und der syrischen Luftwaffe die Verantwortung für den Zwischenfall zu geben“, heißt es der Agentur Interfax zufolge in einer Mitteilung. Für solche Anschuldigungen gebe es keine Beweise.
 
Das russische Verteidigungsministerium teilt mit, auf Videoaufzeichnungen sei gut sichtbar, dass „Terroristen“ mit einem Lastwagen den Konvoi begleiten würden. „Auf dem Fahrzeug steht ein großkalibriger Granatwerfer“, sagt Generalmajor Igor Konaschenkow. Der Vizechef des Verteidigungsausschusses in Moskau, Franz Klinzewitsch, ruft nun die USA mit Nachdruck zur Zusammenarbeit mit Russland im Syrien-Konflikt auf. „Ich sage nicht, dass die USA den Konvoi bombardiert haben. Aber es ist klar, dass sie den Konvoi schamlos für einen Informationskrieg benutzen.“
 
Da ist er raus, der böse Verdacht, noch verbrämt durch eine verharmlosende Negation: Die USA hätten den UN-Konvoi selber in die Luft gesprengt. Wozu? Reicht ein „Informationskrieg“ aus, sich das Risiko eines im Wahrheitsfall verheerenden Negativimages einzuhandeln?
 
Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte schließt sich der Sichtweise der USA an und teilt mit, der Angriff sei entweder von den syrischen oder den russischen Streitkräften geflogen worden.
 
Wir können gespannt sein. Die Zuschreibungen scheinen samt und sonders eher an Eigeninteressen als an der Wahrheit orientiert.
 
Bei dem Vorfall sind 18 von 31 UN-Fahrzeugen mit humanitären Hilfsgütern – Medikamenten, Lebensmittel und Decken – bombardiert und etwa 20 Menschen getötet worden. Der Vorfall belastet massiv die Aussicht auf eine Wiederbelebung der jüngsten Waffenruhe und verschärft wieder einmal die Spannungen zwischen Washington und Moskau. Nach dem Angriff stellen die Vereinten Nationen vorerst sämtliche Hilfsleistungen in Syrien ein. 
Leidtragende sind die Menschen in Aleppo.

Quellen u.a.: n-tv.de , jga/rts/dpa

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Jetzt isch over!

Zahn-OP isch over, halleluja!, und ich lebe noch.

Als alte Zahnarztphobikerin fällt es mir schwer das zu sagen, aber: Es war alles nur halb so schlimm. Ich vermute mal, die Leute mit den Schauergeschichten – und davon gibt es reichlich! – haben noch nicht den richtigen Arzt gefunden. Meiner ist Kieferchirurg (er ist sogar Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg), und von den zwei Behandlungsstunden ist nichts in meiner Erinnerung, Sedierung sei Dank! Danach bin ich zu Fuß nach Hause und hab unterwegs in der Apotheke und bei Rewe noch Besorgungen gemacht. Nur ziemlich viel langsamer als sonst, so step by step. Auch mal eine Erfahrung.

 

 

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Aus Versehen

Eigentlich ist ja seit einer Woche Waffenstillstand in Syrien. Die US-Streitkräfte haben trotzdem wieder gebombt. Aus Versehen. Wie jetzt von Seiten der US-Regierung eingeräumt wurde, wurden dabei Assads Truppen getroffen, anstatt – wie eigentlich beabsichtigt – Stellungen der IS-Rebellen. Der Regierungssprecher äußert im Namen seiner Regierung Bedauern über den „Irrtum“.

Kann ja schon mal passieren. Es sind ja auch nur 83 syrische Soldaten dem „Irrtum“ zum Opfer gefallen. Und wenn der Regierungssprecher uns das jetzt so erklärt, dass die USA sich weiterhin an die Bedingungen der Waffenruhe halten und zugleich – gemäß der Vereinbarung – den IS nach wie vor bekämpfen (ja, mit Waffen, auf syrischem Boden), dann verstehen wir dieses diplomatische Geschwurbel, und dann wird das auch alles seine Richtigkeit haben.

Zum Glück sind wir ja alle ein bisschen doof und mit vielen anderen Sachen beschäftigt …

In dem seit Frühjahr 2011 andauernden Krieg in Syrien, den die Medien uns hartnäckig als Bürgerkrieg verkaufen und der definitiv schon lange kein Bürgerkrieg mehr ist, wurden bisher nach Angaben von Aktivisten mehr als 300.000 Menschen getötet.

Russland hat am Freitag eine erneute Verlängerung der Waffenruhe um 72 Stunden angeboten. Das Angebot wurde von der politischen Öffentlichkeit einfach mal nicht zur Kenntnis genommen.

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Samstag im September

8.30 Uhr: Guten Morgen Samstag, was mache ich mit dir?

12.15 Uhr: Wahrscheinlich das letzte Frühstück draußen auf der Dachterrasse, mit Steve, der gerade aus dem Freibad zurückkommt und uns mit Anekdoten aus dem Tübinger Nachtleben unterhält.

15.00 Uhr: Provencalisch-umbrischer Markt in Tübingen. Relaxed mit PM unterwegs. Zwei prächtige, violette Artischockenblüten erstanden.

20.15 Uhr: Im Pool der online-Magazine berichtet nur die Frankfurter Rundschau wohlwollend objektiv über die Großdemos gegen TTIP und Ceta in München, Stuttgart, Hamburg Berlin, Köln, Frankfurt… . Was kann man daraus schließen?

23.00 Uhr: Hunderttausende haben heute friedlich gegen die beiden Freihandelsabkommen protestiert. Die Tagesthemen („Zehntausende“) werten dieses Phänomen als Ergebnis einer guten Werbekampagne ab, die jenseits von Sachgründen mit ihren Mitteln Feindbilder und Heldentum für den deutschen Michel generiere. Aufschlussreich, dass die ARD-Macher uns für solche Nullchecker halten! Vielleicht checkt das Fernsehvolk ja mehr, als ihnen recht ist. Die Teilnahmen an den Demos sprechen jedenfalls dafür.

23.30 Uhr: Im LTT-Lokal die Lage der Welt diskutiert u. unsere im Besonderen.

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