Ich bin so frei

Ich kann keine Trump-Artikel mehr lesen. Eine gähnende Langeweile befällt mich, wenn ich die Zeitung aufschlage oder ein x-beliebiges TV-Programm einschalte, und Trumps jüngste Vergehen werden analysiert, als gäbe es nichts anderes mehr auf dieser Welt. Alle sind sich einig. Jaaa! Ist ja gut. Das haben jetzt doch alle begriffen: Donald ist ein machtgeiler Volltrottel, Egomane, Wahnwitziger. „Die Meinungsvielfalt verteidigen wir, indem alle das Gleiche sagen.“ Schreibt Harald Martenstein in seiner Zeit-Kolumne vom 23. Februar 2017.
In die Einstimmigkeit zu verfallen, scheint trendy zu werden. Eine Haltung, geradezu. Ist ja auch sehr kuschelig so im Verein mit vielen, vielen Gleichgesinnten. Zu 100 Prozent ist Schulz von seiner SPD gewählt worden. Potzblitz und Holy Shit! Das hat sich nicht mal das Politbüro getraut. Unter Honnecker & Co musste es immer zwei, drei Abweichler geben, um den Schein der freien Meinungsfreiheit zu wahren. So wie Trump mainstreammäßig alle zum Kotzen finden, finden alle wunderbar den in der Glut der Morgenröte geschlüpften Phönix aus der Asche Schulz. Warum? Was ist an dem? Man kann ja mal abwarten; bisher weiß ich nicht so genau, warum ich in den Jubel einfallen sollte. Okay, außer dass er Schulabbrecher und Ex-Alkoholiker ist, ist er für soziale Gerechtigkeit und setzt sich für die hart arbeitenden Menschen ein. Aber das hat die SPD getan, seit es die SPD gibt. Das ist SPD-Grundsound, sozusagen, daran kann ich nichts Besonders erkennen.
Langeweile löst bei mir Verärgerung aus. Wer mich langweilt, raubt meine Zeit, meine Energie. Ich muss Aufmerksamkeit heucheln, wo ich mich lieber abwenden möchte, ich muss über Witze lachen, die schal und unwitzig sind. Fünf Minuten halte ich das durch, länger nicht. Dann meldet sich die Lust auf Polemik.
An meinem Arbeitsplatz herrscht, wie wohl an den meisten Arbeitsplätzen der Welt, Handyverbot. Da mein Arbeitsfeld aus Joungsters besteht, die Verbote lieber überschreiten als einzuhalten, müsste ich als Vertreterin der Ordnung die Handys einsammeln, sobald ich einen von ihnen mit der typischen Kopf-Runter-Haltung rumstehen sehe. Auf einer Dienstbesprechung bezeugten mehrere meiner Kollegen, dass sie dies auch tun: Sie sammeln, was das Zeug hält. Nachdem der dritte Kollege beteuerte, dass auch er, bekannte ich, dass ich nicht. Ich sammle keine Handys ein. Ich weiß, dass das inkonsequent ist. Es ist mir egal. Ich habe ein Recht auf Weggucken. In diesem Fall, jedenfalls. Dafür schreie ich laut im Zugabteil, wenn ich sehe, dass jemand körperlich bedroht wird. Ich entscheide selber, wann ich weggucke und wann nicht. Ich ganz allein entscheide, dass ich die Verordnung als solche – natürlich – für sinnvoll halte, dass ich mir aber vorbehalte, kein Handynazi zu werden. So würde ich mich nämlich fühlen.
Interessant war die Reaktion auf mein Statement. Kein Kommentar. Klar – der Pluralismus, die Meinungsfreiheit und so. Da schluckt man die Entrüstung besser mal runter. Aber muss eine gleich so frei sein?
Einfache Lösungen sind nicht so mein Ding. Erzwungene Zustimmung, ob in Sachen Trump-Bashing, Schulz-Vergötterung oder Handy-Einkassieren, auch nicht:
Ja, ich bin so frei!
Veröffentlicht unter 2013

Ambitioniert

Würde heute gerne folgende Wörter anwenden:

Ambitioniert
Anverwandeln
Voll diesseitsorientiert (als Vorwurf)
Das kriegen wir hin.


20.30Uhr

Ambitioniert no problem, lässt sich überall unterbringen.

Anverwandeln entfachte einen Disput unter Kollegen, ob das Nomen (Anverwandlung) nicht besser funktioniert als das Verb.

Volle Diesseitsorientiertheit konnte ich heute leider niemandem unterstellen. Auf morgen verschoben.

Das  kriegen wir hin ist der Knaller. Die Leute gucken dich überrascht an – wahrscheinlich wegen dem Wir – und sind begeistert.

 

Veröffentlicht unter 2013

Die weise Ente

Auf dem Fahrradweg sitzt eine Ente. Vielleicht, jahreszeitmäßig angesagt, auf der Suche nach dem optimalen Nistplatz? Vor ihr liegt die Europastraße, hinter ihr der Parkplatz.
Sie bleibt jetzt erstmal da sitzen.

Veröffentlicht unter 2013

Der Preis

Sonntag. Familienfeier. 90. Geburtstag. Morgenhektik. Schnell noch. Schnell noch Bluse bügeln. Welche Temperatur? Keine Ahnung, Hauptsache glatt. Denk ich. Plötzlich lange, weiße Streifen auf dem Stoff. Ich starre drauf und kapiere gar nichts. Bis mir dämmert, dass das Risse sind: Durch lange Risse schimmert das Weiß des Bügelbezugs. Auf dem meine Bluse fest klebt, was für eine Scheiße! Als ich sie abziehe, steht sie in die Luft wie Plastikfolie. Und so fühlt sie sich auch an. Seide mit geschmolzenem Elastan. Fuck! Die Bluse ist hin. Unwiderruflich. Sie war teuer. Verdammt teuer. Viel zu! Mein sozialistisches Gewissen meldet sich. Die Arbeiterklasse und so. Hättste doch! Hättste doch eine von Esprit. Nicht diese. Nicht dieses Luxuslabel, was noch uff dr Schwäb’sche Alb produziert statt in Bangladesch. Ich halte sie hoch, die Risse haben was Ikonographisches. Sie stechen mir direkt ins Hirn. Sie sind Zeichen. Geschieht dir, formt sich ein masochistischer Gedankenkomplex an der Grenze von Unterbewusstsein zum Bewusstsein. Nee, gar nicht recht! War einfach nur zu hektisch. Wer es eilig hat, soll langsam machen. Sagt Dr. K. – Hallo, Dr. K., was mach ich jetzt ohne meine Lieblingsbluse? Rostrot, mit türkisen Punkten allover. Familienfeier. Von wegen langsam. Die ungebügelte dann also.
Veröffentlicht unter 2017

Dialoge

Samstag Mittag vor dem Schaufenster eines kleinen Kaufhauses in B.N.

Sie: Guck mal der Tisch da –

Er: Ja –

Sie: Der ist richtig schön!

Er: Die haben oben in der zweiten Etage auch Möbel.

Sie: In der zweiten Etage? Da waren wir noch gar nicht.

Er: Brauchen wir Möbel?

Sie: Nee –

 

Mutter (kurz vor ihrem 90. Geburtstag): Kommt PM denn auch mit?

Tochter: Ja, der kommt mit.

Mutter: Ach, das ist ja schön. Dass ich den nochmal sehen kann.

Tochter: Er hat extra seine Bereitschaft verlegt. Sonst ginge das ja  gar nicht –

Mutter: Hoffentlich kann ich dich auch mal alleine sprechen.

 

Veröffentlicht unter 2017

Kinder für den Führer

„Habt fünf Kinder, nicht drei!“, shoutet Erdowahn den in Deutschland lebenden Türken über den Bosporus zu, weil ihm ja nun mal der Wahlkampf direkt in Deutschland verboten wurde. Verbote inspirieren zu verbaler Höchstform … Auch solche Unterbegabten ohne emotionale Intelligenz … Politik ist halt doch ein harter Job … nicht jeder kriegt einen Palast mit 1000 Zimmerchen und goldener Toilettenschüssel … und goldenem Thron, auf dem auch schon Uns Angie hocken durfte …

 

Sheldon & Co

Leider bin ich oft nicht zu Hause, wenn sie läuft, oder ich arbeite gerade an was oder schlafe schon: The Big Bang Theorie. Der wissenschaftliche Background soll, wie man sagt, korrekt recherchiert sein. Die zwei aus der Physiker-WG  und ihre beiden Physikerfreunde auch, hahaha. So könnten sie zumindest sein, diese hypercheckenden Geeks, die es mit der Sprache genauso hypergenau nehmen wie mit den physikalischen Gesetzen. Besonders Sheldon zeigt sich da gerne unnachgiebig. Eine unsaubere begriffliche Passung – und die Sache muss  ausdiskutiert werden, egal wie nebensächlich sie ist. Hundertpro und rigoros bis zum Anschlag. Und du sitzt vor dem Bildschirm und weißt: So ist er, er kann nicht anders! Solange das jetzt nicht geklärt ist, kann er nicht aus dem Haus gehen! Die anderen drei wissen das auch. Sie müssen sich warm anziehen, um einen Battle mit Sheldon durchzustehen. Alles sonstige, also alles, was außerhalb ihres physikalischen Universums liegt, ist ihnen eher fremd. Von der Welt – sprich: von Penny, in die sie alle mehr oder weniger verknallt sind -, versteht das Vierergespann ziemlich wenig, was sich ja irgendwie bedingt: Wer abstrakte Quantenphysik wirklich versteht, kann woanders, auf dem sozialen Parkett, nur defizitär sein. Logo, dass gerade deswegen diese komischen Jungs (und ihre komischen Freundinnen) dir ans Herz wachsen.

 

Veröffentlicht unter 2017

Schuster, bleib …

Vergangenen Do, als der Artikel über unsere Lesung rauskam, war ich happy. So gut war er! Vierspaltig. Und so euphorisch. Gekrönt darüberhinaus von einem Foto aller TeilnehmerInnnen, wie sie da auf dem Sofa hocken, alle Blicke auf den einen gerichtet, der gerade seinen Text liest.

Der Artikel war so groß, dass kein Zeitungsleser ihn übersehen konnte, dazu brauchte man ihn nicht mal zu lesen. Scheinbar hatte ihn niemand gelesen. Scheinbar auch niemand das Foto gesehen. Die Sache wurde ignoriert und mit Schweigen belohnt. An meinem Arbeitsplatz. Da, wo die TeilnehmerInnen herkommen. Die Lesung, der Artikel, die konkrete Einladung zu zwei weiteren Lesungen, die die Gruppe an dem Abend erhalten hat – niente! Allerdings wurde ich von der Chefetage aufgefordert, einen Bericht für den Monatsbrief zu schreiben. Stichwort „Außenwirkung“, die will man sich ja nicht entgehen lassen.

Bin ich da pissig? Ich finde, manchmal könnte man eine Würdigung vertragen. Ich finde, in diesem Fall hätten die neun Teilnehmerinnen und ich eine Würdigung vertragen. Und sei es nur ein Dankeschön oder ein paar Fragen zu dem Abend. Interesse ist sexy. Fragen sind sexy. Hä? Ja! Ich kenne das aus anderen Zusammenhängen, beispielsweise, wenn ich selber was geschrieben habe und damit an die Öffentlichkeit gehe. Also eine andere Rolle einnehme. Anderer Name, andere Identität. Also damit umzugehen. Ist vielleicht schwierig.

So schwierig aber auch wieder nicht. Als ich noch in Ausbildung war, gab es einen, der in seinem anderen Leben Autor* war. Es wurde darüber gemunkelt. Sein Buch hatte niemand gelesen. Ich hospitierte bei ihm und lernte viel bei ihm. Ich glaube, bis heute arbeite ich in dem Stil, den ich bei ihm kennengelernt habe. Manchmal nahm er mich morgens mit zur Arbeit. Fahrgemeinschaft. Er sprach über die Sonnenaufgänge über der Schwäbischen Alb in druckreifen, poetischen Metaphern. Die kamen ihm so. Fingerübungen. Vielleicht fiel es mir leichter ihn zu bewundern, weil ich selber schrieb. (Weil ich schon wusste: es tut weh, ein Wort zu streichen, einen Vergleich zu ändern, obwohl Wort und Vergleich noch in der Nacht in allen Farben geschillert haben).

Leute, die was machen, was andere eher mal nicht machen oder nicht in dieser Intensität – schreiben, komponieren, Sachen erfinden – und dadurch hin und wieder die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erregen, werden in der Regel in ihrem engeren Umfeld ignoriert. Mit Schweigen belohnt. Nach unten gedrückt. Bevor der Höhenflug einsetzt. Höhenflüge nicht erwünscht. Soziale Kontrolle: Schuster, bleib bei deinem Leisten. (Was dein Leisten ist, betimmten die anderen.)

Ich finde, dass mit unserem Belohnungssystem was nicht stimmt. Mit unserem Anerkennungssystem. Mit Anerkennung. Scheint eine ganz schwierige Sache zu sein, etwas anzuerkennen, was ein anderer gemacht hat.

 

*G. Oberlin

Veröffentlicht unter 2017

Elle – Maske und Demaskierung

Elle“ ist ein Film, der viel Interpretationsraum offen lässt. Er erklärt wenig, spielt mit vielen, vielleicht zu vielen Handlungsmotiven und übertreibt es nicht mit dem Voyeurismus des Publikums.

Ich hatte gedacht, der Film geht in die Richtung von „Secretary“ von Steven Shainberg. Dem ist nicht so. „Elle“ ist eher eine (satirische?) Abrechnung mit der französischen Bourgeoisie und ihrem allgegenwärtig drohenden Höhenfall. So hat die Vergewaltigungsszene gleich am Anfang, auch wenn das verwundern mag, viel weniger eine sexuelle Komponente als eine machtpolitische. Parallel dazu ist die Protagonistin Michèle Chefin einer IT-Firma, die PC-Games entwickelt. Kühl und ausschließlich mit Dollarzeichen in den Augen statt mit Anzeichen sexueller Erregung, betrachtet sie immer wieder die pornographisch aufgeheizten Game-Sequenzen, an denen ihre Entwickler bis in die Nächte rein tüfteln und die nur eins sollen: Emotionen aufkochen, um sich auf dem Markt durchzusetzen.

Isabelle Huppert spielt die reiche, intellektuell hartgesottene, hart arbeitende Pariser Oberschichtsfrau Michèle, die sich auf allen Ebenen durchsetzt. Sie hat es geschafft, sie zeigt es der Welt! An ihrem Geldbeutel hängen mehrere unfähige, verarmte Famlienmitglieder: Ihr Looser-Exmann, ihr Looser-Sohn samt seiner Looser-Kleinfamilie, ihre verzweifelt geliftete Looser-Mutter. Weich, das heißt sexuell stimuliert, wird sie nur beim Anblick ihres hübschen, verdammt jungen Nachbarn. Ironie des Schicksals: Genau der ist ihr maskierter Vergewaltiger. Als seine Maske fällt, ist der Zuschauer wenig überrascht: Die Auflösung ist traurig, aber im Fluss der Handlung absolut folgerichtig.

Wir sehen viel, wir können uns noch mehr denken – zum Beispiel über den Tunichtgut von Sohn, der einem irgendwie sauleid tut, oder über Gewalt als Befreiungsschlag – aber vor allem geht es, wie in so unendlich vielen französischen Spielfilmen, um eine Heldin, die von männlichen wie weiblichen Penetrationsphantasien förmlich umzingelt ist. Das nervt ein wenig. Weil es, als gesellschaftsdramatisches Motiv, so abgegriffen ist.

Veröffentlicht unter 2017