Reha-WE

PM kommt mit einer Plastiktüte voll Tabletten an. Ich sei eine ungeduldige Kranke, sagt er. Gibt es geduldige Kranke? Schmerzen machen mich schnell wütend. Mit seinen Antibiotika und Halstabletten wird es in der Nacht auf Samstag endlich besser. Es tut gut, dass er da ist. Mittags geht er alleine in die Stadt, während ich mich wieder ins Bett verkrieche. Komisches WE.

Mit meiner Mutter telefoniert. Ihre erste Frage: Ob ich abgenommen habe. Dies kommt mir angesichts meiner Kleidergröße, vor allem aber angesichts unserer gemeinsamen Geschichte, die vom frühesten Moment an mit Essensverweigerung zu tun hatte, sehr bizarr vor. Wenn man unsere Geschichte als Krankengeschichte deutet, ist die Frage aber nicht bizarr, sondern logisch. Für mich immer noch oder immer wieder schockierend.

Sonntagsfrühstück heute Morgen spontan zu fünft in ganz witziger Runde.

Nachmittags Interviews bearbeitet. Kein Fernsehen, kein Facebook, kein Internet. Arbeit als Medizin.

Meine Mitbewohnerin Karina ist nachtaktiv wie ich.

 

Veröffentlicht unter 2017

Der mächtigste Mann der Welt und ein Koffer

Die Medien überschlagen sich mit apokalyptischen Szenarios. Als wäre Trump ein hysterischer Volltrottel – okay, wahrscheinlich ist er ein hysterischer Volltrottel -, der demnächst einfach mal so den berühmten Atomkoffer aktiviert und die Welt uns und ihm (?) um die Ohren fliegen lässt. DAS ist Hysterie! Was unsere Journalisten da aufführen, ist nur noch peinlich und arrogant und außerdem abgekupfert. Alle schreiben und schreien das gleiche. War denn Obama ein Segen für die Menschheit? Ist Frau Clinton etwa ein verstoßener Weltenretterengel?
Die einzige, die cool bleibt, ist mal wieder Sahra Wagenknecht. Sie kritisiert diese medialen Zustände und die einseitige Lobhudelei gegenüber Obama als „unangemessen“.
Außerdem hält sie es neben dem dummen Markus Lanz aus. Allein das ist bemerkenswert.
 
Veröffentlicht unter 2017

Blitzlichter

So eine richtig fette Grippe mit Angina und Schmerzen in Kopf und Gelenken und irgendwie überall kann einen fertig machen. Erstens ist es jetzt schon die zweite seit Weihnachten. Zweitens geht es mir so beschissen, dass ich zu nichts in der Lage bin außer rumzuhängen, zu frieren und mich SCHWACH zu fühlen – Hilfe! – und drittens ist es schade um die vorbeifließenden Tage. Allerlei Melancholisches, allerlei Blitzlichter aus der Schatzkiste der Vergangenheit schwemmen in der Hitze des Fiebers hoch und du kannst dir nicht mal die dem Komglomerat zugrunde liegenden Versprechen nutzbar machen. Sprich: Schreiben. Nur schnaufen, rotzen und stöhnen. Sachichjetzma.

Immerhin habe ich den Stapel der ungelesenen Bücher angefangen abzuarbeiten. Und dabei John Fante entdeckt. Was ist das für ein wunderbares Buch: „1933 war ein schlimmes Jahr“. So eine unverschwurbelte, ehrliche Sprache, wie man sie auch von Natalia Ginzburg kennt – so schreibt im deutschsprachigen Raum kaum jemand. (Zu viel Schreibseminare? Böse These!) Diese Leute können über gewaltige Dinge sparsam erzählen. Der Gewalt tut das keinen Abbruch, im Gegenteil. Kein Metaphernknäuel wie bei Jonathan Franzen, kein Faktengeprotze wie auch bei Franzen, keine Dauerironie, keine gequälten Neologismen – nur das Notwendige. Das Reine. Wie wohltuend. Hab mir sofort alles andere von Fante bestellt. Nicht bei Amazon, klaro, sondern im heimischen Buchhandel. Wird morgen gebracht!

„1933 war ein schlimmes Jahr“ wurde posthum veröffentlicht. Eines der vielen Roman-Manuskripte, die aus rätselhaften Gründen – geht in euch, Lektoren! – abgelehnt wurden. Fante durfte seinen schriftstellerischen Ruhm nicht mehr erleben, wie auch nicht die Veröffentlichung seines letzten Romans, den er, schon erblindet, seiner Frau diktierte, wie auch nicht die Neuauflage seines Gesamtwerkes 1983 bei Black Sparrow Press. Nur wenige Monate vorher ist er gestorben.

Das ist traurig.

Fante sagte über sein Schreiben: „Wer zur Beichte geht, muss alles sagen!“

Mehr über ihn im Nachwort des Übersetzers Alex Capus …

Veröffentlicht unter 2017

Befremdliche Schnüffelei

Endlich ist es mir, glaube / hoffe ich, gelungen, dem einzigen unerwünschten Leser meines Blogs auf diesem Planeten den Garaus zu machen. Technisch kann man User ja nicht sperren, höchstens moralisch. Mal sehen, ob es funktioniert. Die Frage ist, warum einer, der so viel Dreck in mein Leben gekübelt hat wie alle übelwollenden Menschen (falls es die überhaupt gibt) zusammengenommen nicht, sich heimlich, verdeckt, unoffen und gegen meinen ausdrücklichen Willen meine Beiträge reinzieht? Echtes Interesse kann in dem Fall nicht vorliegen, überhaupt kann es nichts Gutes sein, was ihn Woche für Woche auf meine Web-Seite treibt.

Machtgefühl? Weil er ein paar Dinge über mich weiß? OMG! Die Macht der Ohnmächtigen ist die Destruktion …

Mein Blog stellt einen wesentlichen Teil meiner schriftstellerischen Identität dar. Ich freue mich über das Interesse und die lebendige Resonanz meiner Leserinnen und Leser. Manchmal, am Postschalter, beim Warten an der Ampel, sagt einer/eine was, mit so einem wissenden Augenzwinkern, und ich weiß plötzlich, dass er/sie meine Beiträge verfolgt. Manchmal bekommt ich E-Mails. Deshalb ist die Website öffentlich. Jeder darf und soll sie lesen – bis auf einen.

Ist doch jetzt deutlich, oder.

Veröffentlicht unter 2017

Wohnen und Reisen

Heute Morgen:

in Jakutsk -42 °C
in Wladiwostok -6 °C
in Lissabon +7 °C
in Tübingen -1 °C
in Bad Neuenahr +2 °C
in Eisenach -2 °C
in Imperia +7 °C
in Tel Aviv +14 °C
in New York -7 °C
in Berlin -2 °C

Städte, die uns verbinden: durch Wohnungen, durchs Erzählen, Reisen oder geplante Reisen …

 

Veröffentlicht unter 2017

Berlin ist ein Dorf

Schon seltsam, wenn sich eine Begegnung genauso gestaltet, wie du sie dir vorgestellt / erhofft hast.

Meine Interviewpartnerin in Berlin holt mich von der S-Bahn ab. Sie hat mich eingeladen, bei sich zu übernachten, was ich gerne annehme (die unkomplizierten Ossis …). Ich habe den Eindruck, in einem Dorf auszusteigen. Doch sind es angeblich nur 20 Minuten bis zum Alex, was erstaunlich ist, und wir sind definitiv noch in Berlin.

Wir erkennen uns sofort, hatten ja schon Schrift- und Bildkontakt.  Der Schnee rieselt und bedeckt Gärten und Hausdächer und die Straße, auf der wir uns langsam fortbewegen. Dann ein großes Haus mitten auf einem noch wesentlich größeren Grundstück. Lichterketten verbinden die hohen Bäume. Vage in der beginnenden Dämmerung: eine Steinbank, eine Schaukel, viel freie Fläche, Ordnung ohne jeden Anflug von Pedanterie…

Eine Garage, einer von vielen  Eingängen, überhaupt viele Gänge und Treppen, ein bunt geschmückter Weihnachtsbaum, viele, viele bunte Bilder, noch viel mehr Bücher ringsum an den Wänden, Schränke, Regale, Skulpturen, Kerzen – der überwältigte Wessi-Gast weiß nicht, wohin zuerst gucken. Hier ist nichts durchgestylt. Nicht um Farb- oder Hölzerharmonie geht es, sondern um gelebte Erinnerung. Jeder Gegenstand hat seinen Sinn und scheint genau da richtig zu stehen. Ich kann mir ein Zimmer aussuchen, und da bin ich schon fast nicht mehr überrascht, für die Nacht auch ein eigenes Bad zu bekommen. Das ist so groß wie bei anderen – bei mir zum Beispiel – das Wohnzimmer, und bevor du die Badewanne entdeckst, fällt dein Blick auf ein komfortables Plüschsofa und darüber einen goldenen Prunkspiegel – das Bad für eine Queen!

Überhaupt die Möbel! Hier ist alles alt. Manches wertvoll. Vor dem Wertvollsten steht ein Plastik-Getränkekasten, obenauf Zeitungen, noch mehr Bilder, Arbeitsutensilien. Die vor allem. In sämtlichen Ecken, auf – und mit Sicherheit auch in – sämtlichen Schränken stehen und liegen Sachen, die auf den ersten Blick deutlich machen: Hier wird gelebt und gearbeitet ohne Unterscheidung.

Oben eine Oase der Ruhe. Lichtdurchfluteter Loft, der später auf das Haus draufgebaut wurde. Das Haus ist so kreativ wie die Hausherrin selbst, ein langsam gewachsenes Kunstprodukt. Hier entstehen die Dinge, wegen der man sie kennt. Sie macht uns Kaffee, Kuchen habe ich von meinem Lieblingskonditorei Fester aus Spandau mitgebracht, wo ich die Nacht davor bei H. und K. verbracht habe.

Ich stelle auf Aufnahme und höre eine Geschichte, die ich schon jetzt liebe …

 

Veröffentlicht unter 2017

Geschichten

Die besten Geschichten liegen auf der Straße. Da warten sie manchmal sehr, sehr lange, bis jemand sie abholt. Ich hole mir gerade so eine ab. Und bin vollkommen geflasht. Die Person, die zu dieser Geschichte gehört, führt mich in die dunkelste Vergangenheit, in eine andere, abgeschlossene Welt. Die Person, die zu dieser Geschichte gehört, schenkt mir ihre Geschichte. Wie eine überdimensionale, uralte Kirschbaumvitrine mit einer schweren Marmorplatte, tiefen, klemmenden Schubladen und vielen kleinen Geheimfächern.

Veröffentlicht unter 2017

Geile, absurde Idee

Habe ich heute Morgen gedacht, alles bleibt beim Alten (mit so einer gewissen Müdigkeit/Melancholie)?

Um 11.30 Uhr ändert sich das mit einer einzigen Idee. Wir sitzen beim Frühstück und quatschen über die Weltbühne und deren plötzliches Ende, über Tucholsky, über Antisemitismus, über jüdische Identität, und da steht sie plötzlich im Raum, die Idee. Unübersehbar. Ich sage zu PM: Ich mach das jetzt. Sofort. Solche Sachen musst du umsetzen, solange du brennst. (Mit du meine ich mich.)

Und PM? Guckt erst verdutzt hinter mir her (ich bin schon auf dem Weg in die Küche), sagt: Ausgerechnet heute, denk doch lieber nochmal drüber nach – solche Sachen eben, mit denen du dich selbst oft genug ausbremst und die geilsten Ideen verdorren lässt wie altes Gemüse – und dann zieht er seine Jacke über und kommt mit.

Mehr kann ich an der Stelle nicht sagen, aber den Nachmittag über war ich in einem Gespräch, als hätte die betreffende Person auf nichts anderes gewartet als auf mich.

Ohne PM wäre der Plan nicht so easy aufgegangen. Er ist der Türöffner …

 

Wenn eine Idee nicht zuerst absurd erscheint, taugt sie nichts! (A. Einstein, Mein Motto über 2017)

Veröffentlicht unter 2017