Eingerieben

Freitag, 16. August 2013

 

Hast du dich auch eingerieben?, fragt Beret.

Dauernd fragen sie mich, ob ich mich eingerieben habe. Dabei scheint die  Sonne in Kiel nicht halb so stark wie im Süden Deutschlands, wo ich mich auch nie einreibe.

Wer sich nicht einreibt, kriegt Krebs. Das weiß doch jedes KIND! Oder hat sich das noch nicht bis zu dir rumgesprochen? Jerome und Beret sind mal wieder einer Meinung. Willst du etwa Krebs kriegen? Doch wohl nicht! Oder?

Wer von beiden war das jetzt? Egal. Krebs auch egal. Ich halte das Gesicht in die Sonne, die im gleichen Augenblick hinter den Wolken verschwindet.

Bodo, was ist eigentlich Bluetooth?

Bodo, der in echt Jonas heißt und Jeromes und Berets Sohn ist, sagt: Bluetooth, äh, das ist die Weitergabe von Daten ohne Kabel. Quasi. Frag mich jetzt nicht, wie das funzt. Wenn ich dir mit bluetooth was verschicke, geht das nicht über Satellit, sondern sozusagen von Gerät zu Gerät.

Aaaah, ja, ich verstehe. Darf ich dir ein Stück von meiner Schuggelodä anbieten?

Jonas alias Bodo: Nö danke.

Ich geh schell mal in die Apotheke. Braucht jemand was? Beret guckt kurz in die Runde und verlässt dann mit einer Tasche das Haus.

Hab ich dir schon die Karte von Messer gezeigt? Die FKK-Karte? Messer ist Jeromes Bruder. Seinen nickname jetzt zu erklärten, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Schweigen, Jerome und Sohn betrachten die Postkarte aus den Siebzigern mit Syltmotiv und einer Nacktengruppe im Vordergrund.

Kach!, lacht Jonas/Bodo.

Bodo, Jutes Tier!, ruft Jerome. Hast du Eule schon angerufen? Wegen deinem kaputten Bein?

Eule ist Max, Jeromes Arzt und ebenfalls ein Mitglied der Familie. Jerome hat Multiple Sklerose im fortgeschrittenen Stadium und telefoniert fast täglich mit seinem Privat-Doc.

Grete, wo hast du die Zeitung versteckt?

Ich zucke die Achseln.

Was liest du da fürn Scheiß?

Wortlos halte ich meine Lektüre hoch.

Grete!, schreit Jerome. Immer noch dieses Buch! Scheint ja außerordentlich spannend zu sein!

Grete, das bin ich. Geht auf Grete Schickedanz vom Quelle-Versand zurück. Als Jugendliche war ich berüchtigt für meinen schlechten Geschmack, deshalb. Manchmal bin ich auch Frau Prof. Bur-Malottke oder Wirr-Malottke, je nach Anlass. Auf wen das zurückgeht, darf jeder selbst herausfinden, mit Google kein Ding. In ausgewählten Momenten bin ich Dusselige Kuh. Beret auch. Wir sind beide Dusselige Kühe, das darf man nicht so eng sehen. Und woher das kommt, das weiß doch jedes KIND, das zwischen 1973 und 1976 eine ziemlich abgefahrene deutsche Fernsehserie geguckt hat.

Beret kommt zurück. Na, was macht Frau Piesch-Wasserstrahl?, fragt Jerome. Die Apothekerin hat einen komplizierten Doppelnamen mit i und a und in der Mitte Doppel-ss, der Jerome komplett überfordert.

Das Telefon klingelt. Niemand rührt sich. Als es endlich aufhört, guckt Beret aufs Display.

Der Heilige Stuhl!, verkündet sie.

Hm, ich ruf heute Abend mal zurück. Jerome schielt schuldbewusst über den Laptopdeckel.

Der Heilige Stuhl, das sind seine Schwiegereltern, vor allem seine Schwiegermutter, eine große Erzählerin vor dem Herrn, die ihn, wie ihm gerade einfällt, wegen irgendwas sprechen wollte. Ihr Lieblingsthema ist ihr Verdauungstrakt. Den kennt sie in- und auswendig, was kein Wunder ist, da sie jede seiner noch so verborgenen Regungen vierundzwanzig Stunden am Tag analysiert. Ein Fulltimejob also, über den sie sich sehr offen mit Anderen, vorzugsweise ihrem Schwiegersohn, austauscht.

Weißt du, was man sich im Internet über Mutti erzählt? Jerome liest eine verworrene Verschwörungstheorie mit Stasi und Angie Merkel vor.

Wir hören alle drei zu, weil nicht klar ist, wer mit du gemeint ist. Die Geschichte ist ein wenig langweilig, auch nicht wirklich witzig. Keiner sagt was. Inzwischen lesen wir alle: Jerome studiert sämtliche Online-Zeitungen, Sohn Jonas die KN, Beret die FAZ und ich meine Lektüre, mit der ich nicht fertig werde und von der ich nicht verrate, wie sie heißt, weil ich den Autor kenne.

Mausi, krieg ich mal ein Küsschen? Jerome und Beret spitzen beide die Lippen, es folgt ein schmatzendes Kussgeräusch.

Jonas, dein Vater hat sich über meinen Arsch beschwert.

Jonas/Bodo guckt über die KN: Wieso?

Er kann nicht mehr so gut kneifen, seit ich jeden Tag Gymnastik mache. Mein Arsch ist jetzt hart wie ein Vollkornbrot!

Jonas/Bodo: Ach!

Da tu ich wohl janz einfach mal zehn Jahre hinwarten, dann isser weich wie Butter und Beret kann noch so viel Jymnasstick machen. Nech, Bodo? Jerome hat sein Herz fürs Rheinländische entdeckt und trainiert fleißig, aber es noch nicht wirklich überzeugend.

Im Hintergrund kocht Beret.

Das Telefon klingelt. Jerome auffordernd: Herrmann?

Stimmt, Jonas alias Bodo heißt manchmal auch Herrmann. Warum, entzieht sich meiner Kenntnis. Und der Vollständigkeit halber: Manchmal heißt er auch Pelz, wie Faulpelz. Jonas/Bodo/Herrmann/Pelz nimmt ab und fängt an zu quasseln. Scheint jemand zu sein, den er gut kennt.

Es ist Eule, der freundliche Privat-Doc, der sogar von sich aus anruft. Und er empfiehlt, wie Jonas/Bodo/Herrmann/Pelz kurz darauf berichtet, für sein verletztes Sportlerbein Ruhe und  – was sonst? – Einreiben!

KLAR! Jerome nickt. Hätte er selbst nicht besser sagen können.