Nomen est Omen

Samstag, 17. August 2013

 

Die Leibeigne von Tante Astrid spricht KEIN Wort Deutsch!, sagt Jerome, der sich gerade von einem Telefongespräch mit Tante Astrid erholt.

Jonas, seit seiner Geburt daran gewöhnt, die Insider seines Vaters erstmal nicht zu blicken, guckt neutral.

Es geht um die polnische Betreuerin unserer alten Tante, die natürlich in Wirklichkeit nicht Astrid heißt, aber nach Jeromes Meinung so heißen könnte – Jerome beansprucht die  Deutungshohheit und die Nicknamehohheit unserer Verwandtschaft und seiner Bekanntschaft.

Grete, Kennst du schon Bruno Busch?

Ich starre auf das Babyfoto (rosa Gesicht über blauem Strampler), drehe es um und bin sprachlos: Auf der Rückseite steht wirklich Bruno Busch.

In Indien, sagt Jonas, ist die Namenskultur noch eindeutiger. Da gibts Mädchen, die heißen übersetzt Wir wollten kein Mädchen!

Das Kind, das Bruno Busch heißt, ist der jüngste Spross unserer weit verzweigten Familie.

Das ist zum gegen die Wand pissen!, schreit Beret aus der Küche. Sie kocht das Mittagessen. Es klappert und poltert beeindruckend.

Man muss nur dreimal auf den Tisch klopfen, dann fangen die an zu TANZEN, zitiert Jerome auf den Tisch einklopfend einen seiner vielen Hasslehrer, auch Mörder genannt:
Die reißen ihre BÖDEN raus, das waren LUXUSWOHNUNGEN, die die Regierung denen zur Verfügung gestellt hat, und so sind die SLUMS in Südafrika entstanden! Die gehen ja auch keiner geregelten Arbeit nach. Können die nicht. Die können ja die UHR nicht lesen! Und trotzdem tragen die Uhren am ganzen Arm bis zu den SCHULTERN rauf. Die finden Uhren SCHICK! Frag einen von denen, wie viel Uhr es ist, und der hält dir seinen Arm mit FÜNFZEHN Uhren vors Gesicht!

Heute ist der Mörder Präsident eines gemeinnützigen Verein für das Recht auf Stille, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Musikberieselung in Kaufhäusern abzuschaffen. „Lautsprecher aus!“ ist die Vereinsparole. Auf seiner Internetseite, die Jerome mir gerade zeigt, beruft der lange pensionierte Pauker sich auf Robert Gernhard: „Du sollst nicht lärmen!“

Beret: Niemand kann was für seine Fans.

My vokäbjulärie ist raser limitit, imitiert Jerome den Mörder, sich auf seine Jahrzehnte alten, betrüblichen Erinnerungen berufend. Wenn jemand ein Lehrer- und Schultrauma hat, dann ist das Jerome.

Genauso lange ist Freisler der Nickname seines Mathematiklehrers. Herrn H., Englisch und Latein, kam die Ehre zu, sich als Führer in Jeromes Gedächtnis zu verewigen. Und Robert Ley (Chef des Reichsarbeitsdienstes) erlebte eine wundersame Auferstehung in Gestalt von Jeromes Geschichtslehrer:

„Nach dem Kriech gab es keine Apfrikosen und keine Schuggelodä!“

„Jerome hat in übelster Weise und in mehreren Fällen Nazigrößen verunglimpft und mit Spitznamen versehen!“, schrieb eine Mitschülerin 1976 in das Protokoll einer SMV-Sitzung.

Kach! Darüber lacht er sich bis heute tot.

Das Telefon klingelt. Es ist Tante Astrid. Nee, nicht schon wieder, entscheidet Jerome. Berett senkt ihren Kopf zustimmend über die FAZ. Ich sage mir, dass ich nicht gemeint sein kann. Außerdem haben wir Presseschau, die Zeit zwischen 12 und 14 Uhr ist Sperrzeit. Wer da stört, ist selber schuld.

Jonas: Montag geh ich aufs Amt, Alg I beantragen. Das hab ich eingezahlt, das steht mir zu.

Ach, Pelz!, sagt Beret liebevoll.

GO HOME!, ruft Jerome, in Anlehnung an Tante Astrid, die go home zischt, sobald sie irgendwo eine dunkelhäutige Person erblickt.

Jonas/Bodo/Herrmann/Pelz steht schon in der Tür: Nur für zwei Monate. Bis mein Studium anfängt, beruhigt er mich. Und zwinkert schon wie so ein alter Schwerenöter.