Frisch abgepackt

Sonntag, 18. August 2013

 

Ich hab die Wurst diesmal abgepackt gekauft. Das ist die GLEICHE wie die an der Frischetheke. Beret streckt ein luftdichtes Päckchen Leberpastetenscheiben durch die Küchentür.

Kann ich was helfen?, frage ich.

Nee, lass stecken, ich meld mich schon.

Es klappert und poltert. Es riecht nach angebratenem Hack. Jonas‘ Lieblingsessen: Hackfleischsoße mit Nudeln.

Ich könnte doch mal wieder einen Nachtisch machen. Mit Blaubeeren? Erdbeeren?  Johannesb- …

Nö, Grete. Das hatten wir doch gestern erst. So viel Gesundes bekommt uns nicht.

Oder einen Salat?

Nönö, Grete, echt nicht.

Oder eine Gemüsesuppe?

Grete, dusselige Kuh, jetzt reichts! Das ist ja nicht zum AUShalten. Gib ein-mal Frieden. Hörst Du? Gib ein-mal Frieden!

Manchmal würde ich gerne die Gedanken von Jeromes uns Berets Nachbarn kennen. Über mich zum Beispiel, die bedauernswerte Cousine aus Süddeutschland, die in einer Wohnsiedlung in Kiel ihre Ferien verbringt. Die eben abgesonderten Sentenzen hat Jerome seit Jahren drauf, weil er sie seinerzeit life miterleben durfte. Ich muss sagen, mit jedem Vortrag wird er besser. Die Worte gehen auf den ehe- und leidgeprüften Gatten von Tante Astrid zurück, der sich selbst damit irgendwie auf Loriot berief und der leider nicht mehr unter uns weilt, wie man so sagt.

Hast du Tante Astrid heute schon angerufen?, frage ich und verschiebe damit mein eigenes schlechtes Gewissen.

Grete, sag mal, hast du noch alle Latten am Zaun?

Es klappert und poltert, aber anders als vorher. Beret räumt das Fensterbrett in der Küche leer und reißt das Fenster auf. Jerome mag nicht, wenn es nach Fisch riecht. Daran sind seine Tabletten Schuld. Für Beret und mich gibt es heute nämlich frischen Fisch: Scholle, Rotbarsch, Zander und Dorsch. Jede Filetscheibe wollen wir uns halbieren und sie von ganz mild bis kräftig nacheinander durchprobieren. Beret und ich machen einen auf Gourmetprofis. Jerome lehnt frischen Fisch ab. Er bekommt Fischstäbchen, das ist sein Lieblingsessen.

Beret: Sollen wir oben essen? (Oben heißt beim Fernsehen).

Mir egal, sage ich.

Grete, entscheide dich!, schreit Jerome. Uns ist das auch egal!

Also, dann oben.

So ein Zufall, gerade fängt der Tatort an. Tadaa, die Augen, tadaa! Diesmal kommt er aus der Schweiz und heißt Geburtstagskind, erfahre ich aus der Fernsehzeitschrift.

Scheiße, wieder mit diesen bekloppten Untertiteln? Tatort mit UNTERTITELN! Beret schlägt sich vor die Stirn.

Nee, die sprechen jetzt Hochdeutsch. Mit Dialekt gibt es nur auf SWR3, informiere ich sie.

Jerome: Wir können uns ja mal einen Eindruck verschaffen.

Ich zittere. Wenn Jerome sich einen Eindruck verschafft, wofür er sich maximal drei Minuten Zeit lässt, kann das bedeuten: Zack, aus! Und verkündet: Das ist Müll! Das seht Ihr doch auch so?

Zehn Minuten sind um, und wir gucken immer noch.

Ist ganz spannend, nech?, sagt Jerome.

Das Telefon klingelt. Aus unerfindlichem Grund nimmt Jerome ab. Hallo, Tante Astrid, das ist aber nett, wir…

Beret verdreht die Augen. Wird jetzt ein bisschen dauern, und da Jerome nicht aufstehen und aus dem Zimmer gehen kann wegen seiner Krankheit, müssen wir alles mithören. Wir gucken gerade Tatort!, schreit er. TAT-ort! Nein, wir! WIR gucken gerade Tat-ort!

Mit Tante Astrids Gehör geht es aber auch bergab.

Die Fischstäbchen sind kalt. Beret: Guten Appetit mit deinen Fischabfällen.

Bidde was? Jerome glotzt über seine Brille.

Ein Salat könnte jetzt nicht schaden. Hätte ich doch …

Grete, du nervst.

Und was meint Tante Astrid so?, frage ich.

Sie hat nach ihrem bordeauxroten Brokatmorgenmantel verlangt, und die polnische Leibeigene hat es nicht verstanden. Obwohl Tante Astrid ihr die zwei Worte sogar AUFGESCHRIEBEN hat!

Schlüsselgeräusch. Beret: Jonas kommt.

Jonas steht schon in der Tür: Na, was guckt ihr?

Tatort. Auf schweizerisch!

Scheiße, Fisch?, fragt Jonas leicht angesäuert.

Beret springt auf.

Und wer ist der Täter?, fragt Jonas, indem er sich in Berets Sessel schmeißt.

Jerome: Beret weiß es schon. Die ist ja immer so MÖRDERSCHLAU. Sie verrät es uns aber nicht. Beret ist ja HA ES: Homo sapiens!

Oh – die Geburt eines neuen Namens? Es riecht ein bisschen nach angebranntem Hackfleisch.

Scheiße aber auch!, hören wir Beret schreien.

Beret alias HA ES kommt die Treppe rauf, mit einem Teller Nudeln an Hackfleischsoße auf einem Tablett.

Jonas: Ich dacht schon …

Die Fischstäbchen waren mal wieder fa-bel-haft! Ganz fabelhaft! Man könnte geradezu meinen: Farrrbelhaft, sagt Jerome.

Jonas mit vollem Mund: Das Hack schmeckt auch. Mein Lieblingsessen.

Schon gut, weiß ja jeder.

Beret: Nicht angebrannt? Sonst hätte ich auch noch Wurst da. Leberpastete. Frisch abgepackt.

Kach!, lacht Jerome. Frisch abgepackt – das wars dann ja wohl mit HA ES. Frisch! Abgepackt! So was Albernes aber auch!