Lehmanns aus der Lower Class

Montag, 19. August 2013

 

Bodo, jutes Tier! Wie geht es dir? Können wir was für dich tun? Was? Ach so. Lies mal vor. Nee, nun übertreibs aber nicht. Solche Fragebögen muss man auch nicht überinterpretieren. Die wollen wissen, ob du ein BUSCHERMANN bist. Das ist obligatorisch. Du bist ja nicht der klassische Arbeitslose. Sag mal, das Studium geht am 1. Oktober los? Da muss ich mich ja …, das ist diese Bürokratie, nech? Genauso machst du das! Und wenns nicht funktioniert, ist Jammern in der Abteilung TRÄNENDRÜSE angesagt. Ziehste dir abgerissene Schuhe an und guckst wie Tante Astrid. Nech?

Jerome gibt den Hörer an Beret weiter. Beret: Na mein Kleiner? Willst du was zu Essen haben? Besondere Wünsche? Keine Idee? Nudeln mit Hackfleischsoße? Ja, geht ja auch schnell. Beret legt auf und strahlt vor lauter Vorfreude auf den Sohn, der sich für heute Abend mal wieder angekündigt hat.

Mausi, gib mal Küsschen. Jerome und Beret spitzen beide die Lippen, es folgt ein schmatzendes Kussgeräusch.

Mausi aus der Lower Class, sagt er und kneift Beret genussvoll in den Hintern.

Hab mich ebent erfolgreich hochgeschlafen. Beret zieht eine verwaschene, rosafarbene Sweatshirtjacke über.

Jerome liebevoll: Dumm fickt gut. Er kneift noch einmal, diesmal kräftiger. Beret schimpft und geht aus dem Zimmer. Jerome grinsend: Das weiß doch jedes KIND! (O-Ton Opa Heinz).

Jerome steht mühsam auf und setzt sich an seinen Laptop. Ich hab Rücken!, quäkt er nebenher hochfrequentig. Irgendein Vetter zweiten oder dritten Grades hat diese Stimme eines Zehnjährigen beibehalten, obwohl er ausgereifte vierzig Jahre zählt.

Mit meinem Rücken, das ist aber auch ein KREUZ!, quäkt er in der gleichen, ganz schön unmännlichen Tonlage. Wochenlang feilt Jerome an solchen aufgeschnappten Rohdiamanten, bis sie ihn und die anderen Familienmitglieder überzeugen. Wenn er dann mit ihnen glänzt, kann durchaus der Eindruck entstehen, da redete das Original höchstpersönlich, so gut ist er.

HALLOOO?, was ist DAS denn? Jerome kriecht in seinen Laptop: In Australien hat sich ein 70jähriger eine Gabel in den Penis eingeführt. Sag mal, wie IST so was möglich? Heinz, was IST so was! (O-Ton Oma Sigrid).  Da hört sich doch alles auf: Die Ärzte haben schon alle möglichen Gegenstände in den Unterleibern von Männern und Frauen gefunden, Zahnbürsten, Telefonkabel, Gurken, Blutegel und KOKAINPÄCKCHEN!

Beret: Ich geh schnell einkaufen. Braucht jemand was?

Jerome: Es gibt da diese kleinen Zwiebacke.

Beret: Ja, und?

Jerome: Die gibt’s auch mit Müsli. Davon bring mal welche mit.

Er hat sich von der Gabelgeschichte erholt und legt jetzt virtuelle Patiencen. Classic-Radio dudelt aus eleganten Miniboxen. Ansonsten Stille. Das Eichhörnchen lugt zur Terrassentür herein.

Grete, tu doch mal ein paar Nüsse in die Schale draußen.

Ich ziehe die Tür auf, die quietscht wie ein getretener Hund, fülle die Eichhörnchenvesperschale bis zum Rand, sehe zu, wie das Eichhörnchen – Nickname Duxi – an mir vorbei ins Wohnzimmer schießt und sich lieber selbst eine Nuss aus dem Korb am Boden greift. Jerome lacht sich scheckig: Duxi nimmt nichts von dir.
Das Eichhörnchen witscht wieder raus und setzt sich zum Essen auf das Rückenpolster eines Gartenstuhls.

Schlüsselgeräusch. Beret kommt zurück. Sie stellt Jerome die gewünschten Zwiebacke hin.

Farrrbelhaft! Schmeckt wie das LI-BA-NE-SISCHE Nationalgericht! (wahrscheinlich O-Ton Opa Heinz). Gibt’s auch noch von der Roten Grütze? Mit Vanillesoße?

Jerome mustert Beret. Sag mal, seit wann hast du denn diesen BORDEAUXROTEN BROKATMORGENMANTEL?

Beret guckt an ihrer verwaschenen Sweatshirtjacke herunter: Wie eine Libanesin?, meint sie aufs Geratewohl.

Gut, dass wir so international sind, sagt Jerome.

Ich ja nicht, sagt Beret. Ich bin ja Lehmanns. Ich komm ja aus der Lower Class.

Ebent! Und das weiß ja jedes Kind, was die gut können. Gib mal Küsschen, Mausi.