Besuch in Bremen

Samstag, 24. August 2013

 

Wenn du dir die Hände gewaschen hast, darfst du das auch anfassen!, sagt Friedrich. Und dann, als ich unter seinen Augen meine Hände gefühlte zwei Stunden lang im fließenden Wasser abgespült habe: Welches Handtuch du benutzt, ist egal, deine Hände sind ja jetzt sauber!

Kaum verbergen können diese schwer verschlüsselten, geradezu beschwörerischen Worte seine Not. Unklar ist, wen er mehr beschwören möchte: Mich, doch bitte recht gründlich zu sein, oder sich selbst, locker zu bleiben. Am liebsten hätte ich ihn in den Arm genommen und gesagt: Ich weiß doch alles, mach dir mal keine Sorgen.

Friedrich ist nervös, weil ich plötzlich leibhaftig in seiner Wohnung stehe. Na gut, eigentlich ist er seit Wochen darauf vorbereitet, aber nun ging es doch alles viel zu schnell, und dass ich dann wirklich vom Bremer Hauptbahnhof mit der Straßenbahn Linie 4 bis in sein Viertel…, unfassbar!

Er hat die Nudeln vorgekocht. Dazu schneidet er Tomaten und Zwiebeln in die Pfanne und ich staune, wie fein er das Gemüse schneidet. Zuletzt wird Feta darüber gebröselt, allein vom Duft bekomme ich Hunger.

Ich schlendere durch seine kleine, erst kürzlich bezogene Wohnung. Manches erkenne ich wieder: Die vielen Bücher, ordentlich aufgereiht, viele noch in Originalfolie eingeschweißt. So mag er sie am liebsten. Seine schwarzen Stühle im Thonet-Stil. Sein Küchenbüffet. Das ist aber hoch. Und der Herd auch. Irgendwie alles höher als normal. Steht ja auch alles auf Rollen! Unter jedem Möbelstück, sogar unter Spüle und Waschmaschine, sitzt ein Rollbrett.

Zum besseren Beiseiteschieben, erläutert Friedrich. Hab ich selbst gebaut.

Ich greife mit beiden Armen um seinen Kleiderschrank und staune. Leichtfüßig gleitet der Sechstürer vor und wieder zurück. Ich verstehe sofort: So lässt sich besser putzen. Ich bin beeindruckt. Auch ich habs sehr mit dem Putzen und dem Aufräumen. Ist eine Art meditative Beschäftigung, bei der sich die produktivsten Gedanken einstellen können. (Und gut gegen das innere Chaos. Wird schon im Tonio Kröger thematisiert, weshalb mir in der achten Klasse eines der wenigen, wirklichen Aha-Erlebnisse meiner Schulzeit beschert worden ist. Thomas Mann traf damit direkt in meine aufgewühlt-chaotische Jungmädchenseele.)

Das Essen ist fertig und schmeckt. Friedrich sagt: Seit einem Jahr verzichte ich auf Kaffee, Alkohol, Zucker und Fleisch. Zu 100 Prozent. Seitdem kann ich mich wieder besser bewegen.

Was bedeutet das?, frage ich und zeige auf die beiden Teebecher, beziehungsweise auf die russischen Buchstaben darauf.

Mirnuji, liest Friedrich: Die Becher hab ich geschenkt bekommen, als ich eine Reportage darüber gemacht habe. Mirnuji heißt Frieden. Ist aber gelogen. Mirnuji, musst du wissen, ist ein russischer Raketenstartplatz; größer als Cape Canavaral und größer als der kasachische Startplatz.

Diese Bahnfahrt, schwärmt er. Mit einer Begleiterin oder Dolmetscherin oder Aufpasserin, je nachdem, wie du’s nennst, so groß wie ein Baum. Mein Gesicht immerzu in der Höhe ihres Busens. Kannste dir vorstellen? Und wir beide in einem Schlafwagenabteil für uns allein! Eine große Ehre war das.

Er kichert bei der Erinnerung, dass es in dem russischen Speisewagen exakt zwei Dinge zu kaufen gab: Bier und Brot.

Wir kommen auf sein neues Buch zu sprechen.

Lies drei Sätze, fordert Friedrich mich auf. Er legt mir Zettel und Stift hin, während ich an seinem Schreibtisch Platz nehme. Irgendwelche! Und sag mir dann, ob sie lesbar sind.

Ich kenne das. Man will ein Echo. Ein Urteil, lieber ein negatives als gar keins. Man hat so lange geschrieben und ist so lange allein gewesen. Jetzt nur ein Wort! Am besten von einem relevanten Leser. Aber in diesem sehr heiklen Augenblick wird fast jeder Leser relevant.

(Ist doch gut so, sagte M., nachdem ich ihm nach einer durchschriebenen Nacht eine Seite hingehalten und er sie durchgelesen, nein quergelesen hatte: Ist doch gut so.)

Ich sage nicht, dass es gut so sei, denn dass dieses Werk gut oder sehr gut oder sogar fulminant ist, weiß Friedrich selbst.

Ist sehr schwer zu lesen, sage ich statt dessen. Man kommt nur schwer rein. Machmal bringst du drei Genitive in einem Satz unter. Ich mach höchstens einen pro Satz, ist so eine meiner Stilregeln. Hier: statt Werke der Kunst des 19. Jahrhunderts schreib doch einfach Kunstwerke des 19. Jahrhunderts!

Friedrich sieht mich lange an. Er springt auf, schlägt eine andere Seite in der Mitte des Buches auf und sagt: Lies das!, darauf bin ich richtig stolz.

Kann ich das so aus dem Zusammenhang heraus verstehen?, frage ich ihn. Ich bestätige, dass die Lesbarkeit jetzt besser ist. Inhaltlich dagegen verstehe ich gar nichts. Ich muss aufpassen, dass ich mir nicht die Schuld dafür gebe. Ich sage, Dyade, kenn ich nicht; ist aber wohl nicht so wichtig, oder? Ich lese weiter: Dyade, und drei Zeilen später schon wieder: Dyade.

Okay, was ist Dyade? Muss ich wohl doch wissen, um was zu kapieren.

Friedrich schüttet sich aus vor Lachen, er kann es kaum fassen: Du weißt nicht, was Dyade ist? Du weißt es wirklich nicht? Dyade, das ist die Mutter-Kind-Beziehung!

Dein ganzer Text, sage ich, um Sachlichkeit bemüht: Dein ganzer Text hört sich an wie von einem, der zum Frühstück schon Kant liest.

Friedrich reißt die Augen auf: Ja!, ruft er. Ich lese zum Frühstück Kant!

Weiß ich, sage ich. Eben! Und ich lese zum Frühstück das Schwäbische Tagblatt. Das ist der Unterschied. Deshalb brauch ich so lange für Texte wie diesen hier.

Inzwischen habe ich sieben Seiten gelesen und nichts notiert.

Was du sagst, ist für mich sehr interessant, sagt Friedrich.

Wieso?, frage ich beunruhigt. Du hast doch schon Gutachter, du hast eine Lektorin. Du hast doch schon ABGEGEBEN. Du bist fertig. Wozu brauchst du noch mein Urteil?

Wegen der Lesbarkeit, sagt er.

Friedrich! Du willst nicht alles noch mal umschreiben! Du bist fertig! Du hast abgegeben! …

Darüber reden wir später, meint Friedrich mit nachsichtigem Lächeln. Die Zeit ist um, wir müssen zur Straßenbahn. Wir müssen sogar rennen. An der Haltestelle steht ein Typ mit Fahrrad und in Radklamotten. Er studiert den Fahrplan, fragt uns geistesabwesend nach einem Stift.

Nein!, sagt Friedrich, und klopft auf die zwei Fineliner, deren Kappen deutlich sichtbar aus seiner Brusttasche ragen. Die verleihe ich nicht, nicht mal meinen Kindern. Die gehen zu schnell kaputt.

Ist ja gut, sagt der Radfahrer und guckt ärgerlich zu Boden.

Ich will vermitteln (bescheuerte Angewohnheit) und sage: Ich kann Ihnen meinen Lippenstift geben.

Der Radfahrer glotzt entsetzt.

Sie können damit die Zahlen auf Ihren Unterarm schreiben.

Was glauben Sie, was dann los ist!, ruft der Typ und starrt schreckerfüllt in den Himmel. Mit fremdem Lippenstift nach Hause kommen! Pah! Was da wohl los wäre. Mit Lippenstift! Er kriegt sich gar nicht mehr ein bei der Vorstellung.

Ich habe schon oft mit Lippenstift oder auch mit Lipliner was aufgeschrieben, wenn kein Stift in der Nähe war. Seine Aufregung belustigt mich, und auch Friedrich schmunzelt. Friedrich ist Single, ich seit neuestem auch. Niemand würde uns blöd anmachen, wenn wir mit fremdem Lippenstift beschmiert nach Hause kämen, nicht mal im direkten Sinne. Das ist eigentlich traurig. Bevor ich melancholisch werde, kommt die Straßenbahn. Friedrich zieht eine Karte. Ich kratze unauffällig an meinen Zähnen, weil ein Stück Tomatenschale dazwischen sitzt. Scheiße, er hat es gesehen! Angeekelt verzieht er das Gesicht, obwohl er versucht, es nicht zu tun. Seinen Ekel nicht zu zeigen. Aber ich kenne sein Gesicht schon zu lange. Friedrich ist mein ältester Freund. Ich putze meinen Finger lange und kräftig an einem blütenweißen Tempotaschentuch ab. Das ist das Mindeste, was ich in der Situation für ihn tun kann. Ich habe viel Verständnis für seine Spleens.
Manchmal wünschte ich mir, ich hätte auch für meine eigenen ein Quäntchen Verständnis.

*

(So wie in dem Film ‚Secretary‘. Das rührt mich jedesmal zu Tränen, wenn die beiden ganz zum Schluss mit so superernsten Mienen gemeinsam das Laken glatt ziehen und sie/Maggie Gyllenhaal mit einem klitzekleinen Lächeln, als er/James Spader sich gerade umdreht, eine Fliege auf sein Kopfkissen legt. Die Szene ist zum Weinen schön. Ich mag Grenzgänger, Leute mit Seltsamkeiten, irgendwie sind die mir vertraut.)