Von Büchern und Brötchen

Samstag, 31. August 2013

 

Auch der Herbst kennt noch schöne Momente, wimmert Jerome im Tonfall einer Achtzigjährigen. Keine Ahnung, wen er da gerade imitiert, klingt aber überzeugend.

Gib mal bitte das Salz rüber, sage ich zu Beret, die mit ihrem Ei schon fertig ist.

Grete, tu mir den Gefallen und iss diesen Stinkekäse auf!

Beret hat einen Brie de Meaux gekauft, der seit Tagen die Luft im Kühlschrank und in der Küche verpestet, und dann festgestellt, dass sie ihn nicht verträgt. Ich verteile ein Stück von dem würzigen Rohmilchkäse auf einer Brötchenhälfte.

Habt ihr vor, den neuen Hegemann zu lesen?, fragt Beret.

Die Kritik in der FAZ war ja unterirdisch, sagt Jerome.

Nur die erste, von J.A.; die am nächsten Tag war deutlich freundlicher, sage ich. Aber dass J.A. die Hegemann verreißt, war vorhersehbar. Die ist Fan von Charlotte Roche, und Hegemann versucht, Roche vom Thron zu stoßen.

Bidde was? Jerome starrt fassungslos. Das ist ja UNERHÖRT. Kann man denn nicht erwarten, dass eine Kritik objektiv und sachlich ist? Ich meine, was haben die persönlichen Vorlieben von X und Y da zu suchen?

Oje!, sage ich.

Ja, wie jetzt? Jerome guckt kampfbereit: Das ist doch dasselbe, als wenn du zum Beispiel – zum Beispiel BRÖTCHEN kritisierst. Bei dem einen fehlt Salz, das andere ist zu klietsch, das dritte enthält ranzige Körner – was gibts da groß zu MEINEN?

Ja genau, sagt Beret und guckt auch kampfbereit.

Nee, sage ich. Das ist ganz was anderes.

Ach?

Ja. Brötchen sind nämlich was anderes als Bücher.

Na, das erklären Sie mir mal, Frau Professor Bur-Malottke! Was an Brötchen anders ist als an Büchern. Jetzt sind Sie dran!

Bücher sprechen dich im Herzen an, sage ich. Sie lassen etwas in dir anklingen …

Oder auch nicht! Beret wieder.

Oder auch nicht. Dann hast du aber schon eine Abwehr aufgebaut und bist nicht mehr objektiv. Und anders als beim Brötchen gibt es sowieso keine objektiven Kriterien, was einen guten oder schlechten Roman ausmacht. Roche zum Beispiel spielt mit falscher Grammatik. Sie vermeidet den Tempuswechsel, kennt keinen Konjunktiv, vom Genitiv ganz  …

Also ein schlechtes Buch!, sagt Jerome (oder Beret).

Ist so nicht gesagt! Wenn sie das als Kunstgriff einsetzt, als Stilmittel sozusagen, also bewusst …

So was Albernes, sagt Jerome.

Jetzt heißt es herausfinden, was genau deine Abwehr auslöst, doziere ich. Oder eben deine Sympathie. (Das ist mir jetzt echt wichtig. Echte Überzeugungsarbeit. Ich werde das jetzt fulminant aufrollen.) Okay, hebe ich an, beim Brötchentest meinetwegen, da kannst du ganz leidenschaftslos die Zutaten und die Backzeit vergleichen – es sein denn, und jetzt kommt das große ABER, es sein denn, ein Brötchen schafft es, eine Emotion in dir zu wecken. (Ich bin so was von in Hochform.) Wenn eins von zehn Brötchen dich, sagen wir, an ein ganz bestimmtes Frühstücksszenario mit deiner Großmutter erinnert, wirst du dieses eine Brötchen mehr mögen als alle neun anderen. Wegen dem Erinnerungsblitz. Niemand sonst wird dein Kriterium nachvollziehen können, aber dir schmeckt es einfach besser. So ist das mit Büchern auch. Wo da die Objektivität ist? Es gibt keine. Sobald Gefühle ins Spiel kommen, verhält es sich mit einem Buch genauso wie mit dem Brötchen. Ist aber bei Brötchen eher mal unwahrscheinlich. Bei Büchern dagegen, da werdet ihr mir zustimmen, fast immer.

Schweigen. Jeder ist wieder mit seinem Teller oder mit seiner Kaffeetasse beschäftigt.

Stimmt, sagt Beret plötzlich. Brötchen sind was anderes als Bücher.

Bidde was? Jerome ist nicht weniger überrascht als ich. Na, ihr seid ja beide so MÖRDERschlau, sagt er. Fast so schlau wie Der Kommissar.

Der Punkt geht an mich.