Querdurchsland

Donnerstag, 05. September 2013

 

„Hab ne schwarze Jogginghose, schwarzes langärmeliges Shirt, grauen Rucksack und einen schwarzen Koffer … (Smiley) Bist du schon da??? LG Dennis.“ Soweit Dennis‘ SMS.

Ich warte in Kiel auf Bahnsteig 6 auf ihn, und da kommt er schon grinsend angelaufen, ein Anfang zwanzigjähriger, bildhübscher Typ, der mir mit dem Smartphone in der Hand lässig zuwinkt.

In Hamburg warte noch ein Pärchen, klärt Dennis mich  auf. Dem Namen nach wohl Chinesen. Das Mädchen trage einen pinken Blumenstrauß und eine giftgrüne Tasche. Und dann sei da noch eine, die sich nicht näher beschrieben habe.

Man erkennt sie am Blick, sagt Dennis. Am suchenden Blick. Er hat das schon öfter gemacht. Es handelt sich um ein sogenanntes Querdurchsland-Ticket. 60 Euro kostet das und man darf bis zu vier Personen mitnehmen. Die finden sich über Mitfahrzentrale.de.

Klar, da hab ich ihn ja auch gefunden. Für jeden also 15 Euro. Dafür nur Regionalzüge. Was das heißt, begreife ich erst jetzt. 8 Mal umsteigen, und das mit meinem Riesenkoffer.

No problem, sagt Dennis, ich bins gewohnt, die Koffer der Mitfahrenden zu tragen.

Er schleppt das Riesenteil treppauf, treppab. Einmal haben wir längeren Aufenthalt, ich gehe mit der Studentin, die unglaublich groß ist, im Bahnhof von Lüneburg oder Göttingen oder Fulda Trinkschokolade und Kuchen für Dennis einkaufen. Sie sind alle soooo nett. Sie könnten meine Kinder sein. Sie sagen aber, sie könnten meine Schüler sein. Sie sind sehr rücksichtsvoll, wir respektieren gegenseitig unseren Altersunterschied. Das Pärchen ist chinesisch-vietnamesisch. Beide sind sie smart, intellektuell und fleißig: Der junge Mann rechnet die ganze Zeit irgendwas aus, er studiert Wirtschaftsrecht und erfüllt, wie wir feststellen, alle Asi-Vorurteile. Die junge Frau guckt ihm über die Schulter oder informiert uns über amerikanische TV-Serien. Die große Studentin, die auch Wirtschaft studiert, findet nicht gut, dass wir über einen sehr fetten Schaffner ablästern.

Dennis zeigt uns seine Dehnübungen, er legt sich ein Bein über die Schulter, überrascht uns mit Tanzeinlagen und singt seine Stücke vor, die er nächste Woche bei einer Challange vortragen wird. Er ist nämlich Musical-Student. Er hatte auch schon ein Engagement in Schwäbisch Hall auf der großen Treppe. In rosa Tüll und High-heels. Dennis erzählt von seinem Comming out: Mein ganzes Schulleben bin ich gemobbt worden, sagt er. Er hat so eine Lebensklugheit. Als sei er der Ältere, dabei bin ich mehr als doppelt so alt. Einmal drücke ich auf eine Milchtüte, um sie zusammenzufalten, damit sie in den Papierkorb unterm Fenster passt. Die Restmilch schießt aus dem Strohhalm und mir über die Hose. Lacher. Hohoho hahaha!

Ich wollte sie nur zerkleinern, sage ich und ärgere mich.

Guck mal dahinten, sagt Dennis ganz ruhig. Da im Gang ist ein viel größerer Müllkasten. Da passt sie rein.

Ich stehe auf und trage meine Milchtüte in den großen Müllkasten im Gang.

Ich bin froh, dass er da ist. Ich bin froh, dass ich ihn aufgetrieben habe für diese Fahrt nach Hause, diese angstbesetzte Fahrt, die in meiner gruselig leeren Wohnung enden wird.

Heute schlafe ich bei meiner Mama, sagt Dennis, sie ist die beste Mama der Welt. Und morgen geht’s nach Italien. Mit meiner Freundin, der Steffi. Das wird supi. Mann, ich hab meinen Pullover vergessen, bei der Steffi. Ganz bestimmt, da hängt er noch. Ausgerechnet mein Lieblingspullover. Ich ruf sie schnell mal an. Hi, Süße, duhu, hast du meinen Pullover gefunden, den mit Treppe abwärts? Oooh, echt, ist er da, oooh, supi Mann. Bringst du mir den mit? Okay, Steffi, dann bis später. Hach, ich hab so wenig geschlafen. Vorgestern hab ich dem Mike beim Umziehen geholfen, um 9 Uhr abends kam endlich der Transporter – statt nachmittags um vier -, und als wir dann fertig waren, haha, da wars jedenfalls schon wieder hell. Und gestern dann in Damp mit der Steffi und ihrer Freundin! Die hatte was mit dem einen Fluglotsen, jaaa, wir haben Fluglotsen kennen gelernt, deshalb sind wir auch ewig am Strand abgehangen und später alle in sein Hotelzimmer, ich ganz rechts, und die beiden links, und die ganze Zeit schmatz, schmatz, boa, irgendwann bin ich eingeschlafen, ja, und morgen geht’s weiter. Nach Italien. Und danach ist meine Challange. Wenn das klappt, Mann, wenn das klappt!