Eine Meinung

Samstag, 14. September 2013

 

Guck mal, da ist Andreas’ Mama!, ruft das Kind und presst die Nase ans Zugfenster. Wir stehen noch im Stuttgarter Bahnhof und warten auf die Abfahrt nach Tübingen.

Wo isch dem Andreas seine Mama? Die Mutter des Kindes beugt sich zum Fenster vor.

Da, Andreas’ Mama!, wiederholt das Kind.

Die Mutter guckt intensiv: Tatsächlich, dem Andreas seine Mama!, sagt sie.

Als unter Schwaben lebende „Norddeutsche“  bin ich ein wenig geschädigt. Ich bin zur bekennenden Dialektablehnerin geworden. Damit habe ich eine Meinung. Und manchmal sage ich die sogar. Auch, wenn ich mich vielleicht bei dem einen oder anderen Mitbürger unbeliebt mache.

Zum Beispiel bin ich der Meinung, dass Eltern ihrem Kind die Grammatik nicht vorenthalten sollten. Dies zu bekennen, kostet mich keinen Mut. Niemand wird mich dafür verachten, prügeln oder töten. Die demokratische Verfassung unseres Rechtsstaates schützt mich davor. Und wenn ich feststelle, dass meine Meinung falsch ist, darf ich sie ungestraft wieder ändern. Auch dann passiert mir nichts weiter. Ich meine, es ist nicht GEFÄHRLICH, eine Meinung zu haben, selbst dann nicht, wenn es die falsche ist. Ich finde, es ist besser, eine falsche Meinung zu haben als gar keine.

Meine Vermutung: Mit der virtuellen Kommunikation sind die Leute zunehmend meinungslos geworden. Zugeknöpft. Unauthentisch. Die eigene Meinung wird zur Privatsache erklärt. Und das Private ist schon lange nicht mehr politisch / die Allgemeinheit betreffend.

Die Angst vor der Entdeckung/Aufdeckung des Privaten hat eine dramatische Wende im Umgang mit der Öffentlichkeit ausgelöst. Mit der Offenheit. Man ist nicht mehr offen. Ist ja auch besser so. Jedes Partyfoto lässt sich von potentiellen Arbeitgebern auswerten, jede Info über Alter und Geschlecht kann unlautere Sexopas auf den Plan rufen, jede Unvorsichtigkeit macht mich angreifbar. (Jerome: Das weiß doch jedes Kind!) Jeder ist für sich ein geschlossenes System, von dem höchstens noch die eine oder andere kleine Ironie, Zynismen oder anonyme Bosheiten ihren Weg nach draußen finden.

Die meisten privaten Botschaften werden ganz gezielt und zweckgebunden ins weltweite Netz gestellt, nicht etwa, weil man auf die Weise eine persönliche Erfahrung oder Meinung weiträumig zur Diskussion stellen oder vielschichtige Antworten erhalten möchte. Vielmehr dient der Vorgang, Privates öffentlich zu machen, dann nur noch dazu, dem/den Adressaten einen Denkzettel zu verpassen, eine soziale Abgrenzung zu veranlassen oder eine Sensation damit auszulösen.

Eine unangenehme Begleiterscheinung ist der Abnutzungseffekt. So lösen die Sexvideos von diversen „Stars“ kaum noch Schrecken aus, weil man – mit jeder Wiederholung mehr – die Zweckgebundenheit hinter den Bildern so schrecklich deutlich erkennt. Die nackte Paris Hilton wird zwar auf dem Bildschirm von ihrem Lover gevögelt, was ja eigentlich so niemand sehen will, aber Scham und Erschrecken bleiben trotzdem aus. Man kennt diese Bilder schon von anderen „Stars“, bald wird es zum normalen Info-Set aufmerksameitsgeiler Leute dazugehören. Das Private ist banal geworden.

Und wie lässt sich dann noch über Privates sprechen? Ich meine wirklich: Sprechen. Mit den Maßstäben der Online-Kommunikation gehen die Maßstäbe des Sprechens mehr oder weniger verloren. Über soziale Netzwerke oder als SMS wird man unangenehme Botschaften doch viel leichter los als von Angesicht zu Angesicht, oder nicht? Hat man sich jemals übers Schlussmachen via SMS aufgeregt? In welchem Jahrhundert war das denn? Ist das heute nicht normal?

Nee, finde ich nicht. Ganz ehrlich. Das geht gar nicht. Das ist meine Meinung. Das ist nämlich feige! Genauso wie es nicht geht, intime Bilder als Werbematerial in eigener Sache oder als Verrätermaterial zu missbrauchen (und so ganz nebenbei den Sex zu entwerten). Na ja, und ich finde es eben auch falsch, seinem Kind keine Grammatik beizubringen. Okay, ich bin ein wenig vom Thema abgekommen. Es geht mir einfach darum, eine Meinung zu haben. Und diese auch zu vertreten. Und damit bin ich dann doch beim Thema geblieben, oder?