Der Froschprinz

Montag, 29. Oktober 2013 im Zug nach Berlin

 

Es war einmal ein Prinz, der wusste ganz genau, dass er einmal ein Frosch gewesen war, aber alles, woran er sich erinnern konnte, waren Dunkelheit und Nässe.

Er wusste auch, dass eine Prinzessin ihn geküsst und dass er daraufhin einen unvorstellbaren Schmerz empfunden hatte, und dann war er auf einmal ein anderer gewesen. Ein Prinz.

An die Prinzessin konnte er sich nicht mehr erinnern. Das einzige, was die verschwommenen Bilder seiner Erinnerung hergaben, war, dass sie rothaarig gewesen war. Manchmal versuchte er, auf seiner samtbezogenen Chaiselongue über sie nachzudenken, denn er empfand sich mit der Prinzessin durch irgendein unsichtbares Band verbunden. Doch der Prinz wurde dann schnell müde und ganz schläfrig vom Nachdenken, und er schlief dann auch meistens ein.

Nach vielen Jahren, als es ihm wieder einmal einfiel, ein wenig nachzudenken, wer diese Prinzessin wohl war und wo sie wohl heute war und ob sie inzwischen ein ältere Dame geworden war, da wurde er ganz zornig, weil sein Nachdenken mal wieder so gar keine Früchte trug. Er nahm ein Blatt Papier und schrieb darauf:

Fick dich selber!

Eigentlich hatte er keine Ahnung, warum er das schrieb, aber es war ihm danach. Dann nahm er einen Umschlag, steckte das Blatt rein, klebte den Umschlag zu und schrieb die einzige Adresse darauf, die ihm gerade einfiel.

Es war die Adresse seiner Prinzessin, die ihr ganzes Leben dort gelebt hatte. Manchmal, während sie durch ihren Garten streifte, an dem tiefen Brunnen vorbei, dachte sie an den schillernden, kleinen Frosch, den sie einst wach geküsst hatte, und dann fuhr ihr ein heftiger Schmerz durch die Brust.

Als sie an diesem Morgen ihre Post aus dem Briefkasten nahm, den Umschlag aufriss und das Blatt, nachdem sie es entfaltet hatte, las, standen ihre Gedanken für einen Herzschlag still.

Und dann lachte sie. Und danach weinte sie, weil sie wusste, dass sie ab heute auf sich gestellt war.

*

Und dann fiel ihr ein, dass am Nachmittag Gäste kommen würden.
Sie nahm ihren Einkaufskorb und machte sich auf den Weg in den Supermarkt.

*

Und dann fiel ihr ein, dass am Nachmittag die Prinzessinnen der Nachbardörfer kommen würden.
Sie nahm ihren Einkaufskorb und machte sich auf den Weg zur Konditorei.

*

Und dann fiel ihr ein, dass am Nachmittag ein Wissenschaftler angereist käme, um das Wasser ihres Brunnens zu untersuchen, das ihr seit einiger Zeit nicht mehr bekam.
Sie nahm ihren Einkaufskorb und machte sich auf den Weg zum Weinhändler. / Sie nahm ihr Heft und einen Stift aus ihrem Sekretär, um alles aufzuschreiben, was der Wissenschaftler über ihren Brunnen herausfinden würde.

*

Und dann fiel ihr ein, dass nichts sie mehr in ihrem Schloss hielt.
Sie nahm ihre Handtasche und machte sich auf den Weg zum nächsten Immoblilienmakler.

*

Und dann fiel ihr ein, dass ihrem Prinzen nun wieder Froschbeine entstehen würden und dass er bald auch wieder ein Frosch wäre und dass er dann gar nicht mehr schillern würde, weil das Schillern nur an ihr gelegen hatte.
Und sie wunderte sich sehr über ihn.