Das Märchen vom Missverständnis

Donnerstag, 31. Oktober 2013 im Fernbus von Berlin nach Tübingen

 

Es war einmal eine alte Hexe, die päppelte ihr ganzes Leben lang Kinder auf, die sich im Wald verirrt hatten, und wenn sie dann dick und rund gefüttert waren, briet sie sie über ihrem Feuer und aß sie auf.

Die letzten Kinder, die ihr in die Falle gegangen waren, um geradewegs in ihrem Verschlag zu landen, waren zwei knusprige Geschwister gewesen. Sie hießen Hänsel und Gretel. Danach mochte die Hexe auf einmal keine Kinder mehr.

Als Essen. Sie mochte keine mehr essen, weil sie – ohne ihr Zutun und ganz unfreiwillig – ihr Herz für Kinder entdeckt hatte.

Was ist denn das?, dachte die Hexe, als sie ein kleines Mädchen tatenlos weiterziehen ließ, ohne auch nur den Anflug von Hunger zu verspüren. Sie wusste nicht, wovon sie sich nun ernähren sollte und begann aus lauter Verzweiflung Kräuter zu sammeln.

Wie schrecklich, dachte die Hexe, da werde ich auf meine alten Tage noch eine Kräuterhexe!

Die Kräuter bekamen der Hexe nicht, und sie wurde schwach und hinfällig. Wenn ich doch bloß wieder Kinder essen könnte, dachte die Hexe, doch jedesmal, wenn ein verirrtes Kind durch den Wald lief und schrie, dann winkte sie das Kind zu sich her, nur um ihm den Weg ins Dorf zurück zu zeigen.

Eines Tages sammelte sie lauter Brotkrumen, die jemandem aus der Tasche auf den Weg gefallen sein mussten. Ein Stück nach dem anderen steckte sie sich in den Mund  und folgte der Spur, bis sie vor eine kleine Holzhütte kam. In der Holzhütte, am Fenster, saßen ein Mann und eine Frau, und sie weinten beide bitterlich.

„Ach, wenn doch nur unser Hänsel wieder käme, ach, wenn doch nur unsere Gretel wieder käme“, schluchzten sie und schlugen die Hände vor ihre Gesichter, so dass die Tränen zwischen ihren Fingern hervorquollen.

Die Hexe trat vor das Fenster, und weil sie dem Hänsel seine handgestrickte, rote Wollmütze auf dem Kopf trug, die ihr so sehr gefallen hatte, dass sie das gute Stück nicht hatte verbrennen mögen, wie sie es sonst mit den Kleidern der Kinder tat, starrte die Frau sie ganz erschrocken an.

„Hört auf zu weinen!“, rief die Hexe durch das Fenster hinein. Obwohl sie eine Kräuterhexe geworden war, konnte sie kein Mitleid empfinden. Das Gegreine der beiden Leutchen ging ihr eher auf die Nerven.

„Euren Kindern geht es gut“, rief sie. „Sie sind in einem fernen Land, wo sie Brot und Milch und Käse und Würste in Hülle und Fülle haben. Sie werden nie mehr durstig sein, nie mehr werden sie Hunger leiden.“

Der Mann erhob sich, öffnete die Tür und trat langsam heraus. Dicht vor der Hexe blieb er stehen. „Wo sind sie?“, brüllte er so laut, dass die Bäume vor Angst erzitterten. „Wo sind meine Kinder?“

„Ach, es ist alles nur ein Missverständnis“, rief die Hexe. „Ein schreckliches, schreckliches Missverständnis!“

Aber da hatte der Mann sie schon gepackt und ihr den Hals umgedreht.