Begegnung mit P.

Begegnung mit P.

Nach der Kunstausstellung bringt P. mich nach Hause. Wir haben Hunger, und ich mache meine bewährten Bratkartoffeln mit Spiegelei (in Butter! Dazu Salz und Pfeffer und eine Spur Tessiner Kräuter. Paprika aufs Eigelb, Curry aufs Eiweiß).

Zum Nachtisch finden sich noch tiefgefrorene Erdbeeren – das einzige, wovon P. eingefallen ist, dass er es gerne mag: Erdbeeren.

P. schmeckt alles oder nichts, er empfindet kein Wohlgefühl beim Schmecken. Er will nur satt werden. Er merkt nicht, wenn Essen versalzen ist, angebrannt oder vergammelt. Satt werden von Brot, Müsli, Bananen: the same procedure as every day. Kochen tut er nie.

Ich strenge mich ordentlich an, meinen Gästen soll es schmecken. Auch nach Mitternacht. Ich frage ihn: Schmeckt es dir? Ja, es schmeckt ihm. Er grinst, und ich weiß schon, in jedem Fall hätte er dieselbe Antwort gegeben, ob versalzen, angebrannt oder vergammelt. Jedenfalls wird er satt.

In P’s Biographie gibt es viele Tote. So viele Tote! Das ist erschreckend. In P.s Familie gibt es große Schuld. Schuld und Nichtvergeben. Weil monströse Schuld nicht vergeben werden kann. Daran zerbrechen die Opfer, oder sie töten sich, anstatt den Schuldigen zu töten. Die Toten in P.’s Biographie haben sich selbst geopfert, weil sie die Schuld ihres Familienoberhauptes nicht mittragen konnten.

Antike Tragödie in Jetztzeit. P.’s Gang ist aufrecht. Er trägt die Last seines Altvorderen mit stoischer Klarsicht. Dem Schweif von Abgrund, Verruchtheit, Verbrechen stellt er sich entgegen mit mannhafter Friedfertigkeit.

P.’s Profil ist ein antikes, habe ich während der Autofahrt gedacht. Aristophanes war mir eingefallen, vorhin. Die Büste von Aristophanes. Seltsam, jetzt spricht er von ihm, ausgerechnet von Aristophanes, dessen Drama Die Wolken zum Todesurteil über Sokrates geführt habe. Deshalb hasst P. Aristophanes.

(Wieso habe ich davon noch nie gehört?)

Darf ich dir noch erzählen …, sagt er morgens um halb vier. Ich spähe hinaus, ob es schon hell wird, doch im November wird es um diese Uhrzeit nicht hell. Kein Grund zur Eile also.