Briefkastentante

Liebe Juliane,

… Vor ein paar Monaten traf ich dann im Fitnessstudio meine aktuelle „Beziehung“, alles scheint unkompliziert, schön und leidenschaftlich.
Ich weiß nur nicht, wie lange ich diese Leichtigkeit noch ertrage. Verstehst Du das? Wenn die intellektuelle Ebene einfach nicht existiert? Keine inspirierenden Gespräche über Politik, Kultur, Kunst, gesellschaftliche Entwicklungen …

Ich schreibe Dir ganz offen, …
Interesse zu antworten?

Liebe Grüße

Bernd

 

Lieber Bernd,

don’t panic! Seit ich mich mit dem Thema Leidenschaft auseinander setze, wundere ich mich über nichts mehr.
Du schreibst sehr offen – was mir gefällt – über deine alte, noch ältere und aktuelle Beziehung, während Du offenbar gleichzeitig etwas ganz anderes suchst.
Im Grunde genommen ist das, was Du da beschreibst, die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins; kein Wunder, dass sie Dich zweifeln lässt. (Bezeichnend, dass Du das Wort „Beziehung“ in Anführungszeichen setzt!) Du stellst „unkompliziert“, „keine inspirierenden Gespräche“ und „Leidenschaft“ bedenkenlos in eine Reihe. Aber Leidenschaft ist nicht unkompliziert. (Und sie ist auch nicht unkompliziert oder billig zu haben.) Wie jeder, der Leidenschaft mal erlebt hat, weiß, entsteht sie nicht (nur) durch das Zusammentreffen von Körperteilen, sondern durch das Zusammentreffen von Geist und Inspiration. Dann allerdings – na klar! – setzt sie Explosionen frei, die SO WAS von körperlich sind…!

Die intellektuelle Ebene will ich von der erotischen nicht trennen. Ich finde es erotisch, einem Mann beim Denken zuzusehen, seinen Mund beim Sprechen anzusehen (und dann darf da bitte keine gequirlte Scheiße rauskommen, auch wenn die Natur den Mund noch so edel geformt hat); ich finde es sexuell anregend, wenn der Blick tief und intelligent ist und mir das Versprechen gibt, dass es auch morgen noch weiter geht mit dem Denken und Lieben. (Liebe berührt ja immer so eine Ewigkeitssehnsucht.) Der Verstand diktiert das Gefühl und das Gefühl den Verstand. Ein Mann, dessen Verstand nicht lebhaft und analytisch ist, dessen Gefühle sind auch eher flach, langweilig. Ich möchte aber von einem Mann be-geistert werden, möchte mich in meiner intellektuellen UND erotischen Phantasie anregen lassen.
Ich will mich nicht mit Knäckebrot zufrieden geben, wie eine Freundin das nennt. Der Gedanke, versorgt zu sein, einfach einen Mann da zu haben, ist mir schrecklich traurig. Ich will mehr, ich will, dass mein Mann mein König ist. Und ich seine Königin.
Aber vielleicht sprechen wir hier genau über den Punkt, in dem sich die männliche und die weibliche Sicht unterscheiden…

Ich danke Dir für die Gelegenheit dieses Austausches!

Liebe Grüße, J