Bellevue in Italien

Treichel sei, sagt PM, dem ich aus „Frühe Störung“ vorlese, ein Meister des umständlichen Sprechens. Er dagegen liebe den Hauptsatz. Zum Beispiel: Das Meer rauscht. Oder: Das Meer rauscht wie verrückt. Oder allenfalls noch: Das Meer rauscht wie verrückt und unaufhörlich.
Kurze, kleine Hauptsätze. Keine Nebensätze. Höchstens einer pro Seite. Das wäre dann ein Überraschungseffekt.

Das Rauschen, das verrückt und unaufhörlich ist, kommt vom Meer.

So, oder so ähnlich.

Es kommt vom Meer herauf, dieses Rauschen, durch die halboffene Balkontür, vor der sich hellgelbe Vorhänge bauschen und hinter der sich ein Balkon mit einem weißverschnörkelten Eisengeländer befindet, und wenn ich jetzt die Tür ganz öffnen und auf den Balkon treten würde, läge das Meer direkt vor mir, und dieses Meer ist so silberglitzernd und die Sonne so weiß und die Palmen um den Hotelpool so fedrig im Wind, dass es jedesmal wieder eine Überraschung ist, denn morgens ist dasselbe Meer feuerfarben unter feuerfarbenem Himmel, und abends, wenn der Tag sich beruhigt hat, ist es in Schwefelgrau getunkt, und immer liegt links die Stadt Cervo mit der dominanten Kirche im Dunst, während rechts, hinter dem kleinen Jachthafen, glasklar ein bewaldeter Hügel ins Meer hinein wächst und verbirgt oder bewacht oder beschützt, was dahinter liegt. Dahinter liegt nämlich Imperia.

Und ich, ich habe das Meer und überhaupt dieses Land schon so lange nicht mehr gesehen, dass mir das gar nicht mehr aufgefallen ist vor lauter gut gemeinter (wie jeder weiß, das Gegenteil von gut gemachter) Anpassung und Selbstverleugnung, aber das wäre ein anderes Thema mit viel zu vielen Nebensätzen.