Programmatisches

Wie weit darf eine Autorin / ein Autor sich öffnen, was ihre inneren Vorgänge angeht?

Ich denke sehr weit. Von einer Autorin oder allgemein Künstlerin darf ich erwarten, dass sie die Hosen runter lässt. Deshalb sollte sie Mut haben, und eine prägnante Prise Kamikazegesinnung. Im Unterschied zu anderen Menschen sollte die Künstlerin sich bis an die Außenränder des Erfahrbaren, bis an die Grenzen des Bewusstseins bewegen. Sie sollte einen Schritt weitergehen als das Übliche.

Ziel des künstlerischen Schaffens ist es, die Grenzerfahrungen sichtbar zu machen und sie künstlerisch umzuwandeln. Dem Extremen wird im Kunstwerk Gestalt verliehen. Damit ist das Kunstwerk die Frucht eines geistigen Risikos, dem sich der Künstler aussetzt.

Das Kunstwerk soll nicht unbedingt unterhalten, sondern vielmehr faszinieren und den Rezipienten gefangen nehmen. Da die Künstlerin als unabhängige Erforscherin geistiger Gefahren das Vorrecht genießt, viel exzentrischer und extremer zu leben und zu denken als der normale Bürger, darf auch ihr Werk das Normale überschreiten.

Täte es das nicht, wäre ihr Werk keine Kunst, sondern Kunstgewerbe.

Es geht um eingeschränkte Authentizität. Jeder Text, wie überhaupt jedes Kunstwerk, ist das Ergebnis einer gefilterten, nicht aber einer unmittelbaren Erfahrung. Uneingeschränkte Authentizität kann wirklich nerven. Tagebücher zum Beispiel. Oder Träume. Ich will es einfach nicht wissen, was andere Leute träumen. Zu viele unbearbeitete Informationen werden damit preisgegeben, die nicht mein Interesse wecken, sondern meine Abwehr.

Ein literarisches Blog ist, wie jedes literarische Kunstprodukt, gefiltertes Erzählen. Mehr als bei einem Buch besteht beim literarischen Blog aber die Gefahr der zu hohen Authentizität, denn die Verfasserin weiß ja nichts über ihre Rezipienten und kann sie nicht einschätzen.

Hat sie überhaupt welche?

Habe ich welche?

Liest jemand mein Blog? Ich weiß es nicht. Das könnte mich hemmungslos machen, was das Preisgeben betrifft; es gibt mir aber auch eine enorme Freiheit. Auf niemanden muss ich gezielt hinschreiben. Wie meine Texte aufgenommen werden oder auch nicht, spielt für mich keine Rolle. Vielleicht habe ich keinen einzigen Leser, mit dem ich meine Gedanken teile.

Vielleicht aber doch?

In dieser Phantasie, dass es da jemanden gibt, der meine Blogeinträge mitliest, liegen der Reiz und die Verantwortung, die Hosen gegebenenfalls doch wieder ein Stück hochzuziehen.

Oder sie ganz auszuziehen.