Ernst Jandl: Aus der Fremde

„Aus der Fremde“ von Jandl im Zimmertheater gesehen (Privatvorstellung anlässlich einer Geburtstagsfeier).

Die distanzierende Kraft des Konjunktivs und der dritten Person – beide Stilmittel werden unerbittlich durch das ganze Stück durchgehalten. Am Ende gipfeln sie fulminant – das sei hier gleich vorweggenommen – in dem Tischgebet: „Käme Herr Jesus, wäre er ihr Gast und würde er segnen, was er ihnen bescheret hätte …“

Zwei Personen mittleren Alters, ein Mann und eine Frau, sitzen beim Abendessen und fragen sich gegenseitig so Sachen wie: „Ob er noch etwas wolle?“ „Ob sie tatsächlich satt sei?“

Der Konjunktiv impliziert die indirekte Rede, was auf der Bühne besonders absurd klingt: So, als würden sie gar nicht in Echt reden, sondern über ihre Gespräche nur berichten.

Damit gelingt ein paradoxes Kunststück: Das leibhaftig gespielte Stück steigt immer wieder aus der Erlebnis-Ebene aus und bugsiert sich (und den Zuschauer) auf die Metaebene, um zum Beispiel die Sinnhaftigkeit des gerade verwendeten Konjunktives zu diskutieren.

Passieren tut eigentlich weiter nichts, außer dass ein Mann raucht, Whisky trinkt, Tabletten einnimmt, sein Bett macht, telefoniert, ins Bett geht und wieder aufsteht. Okay, er geht auch einkaufen und aufs Klo. Ansonsten: Niente! Und das ist sein persönliches Drama, denn der Mann ist Autor und sollte schreiben.

Und indem er sich so durch den Tag quält, entsteht, ohne dass er es selber merkt, das Stück, das hier gerade läuft.

„Aus der Fremde“, von Jandl Anfang der achtziger Jahre verfasst, erzählt von der zerstörerischen Einsamkeit und Depression eines schreibenden Mannes. Es führt die Impotenz des Schriftstellers vor Augen, und gleichzeitig die Impotenz, eine lebendige Beziehung zu leben mit der Frau, die er liebt. Indem der Protagonist seinen Tagesablauf vorführt, ein Tag, der gar nicht mehr aufzuhören scheint und dem ein Tag von der gleichen Qual folgen wird und diesem wieder einer und wieder und wieder, bricht sich dennoch die Kreativität Bahn. Einzelne Satzfragmente haut er in seine Schreibmaschine, reißt wütend das Papier aus der Walze und hält es der Frau unter die Nase. Solle sie es lesen. Er hat Angst vor ihrem Urteil, doch die Frau deutet und bewundert seine Sätze in liebevollster Unsicherheit, obwohl sie doch dauernd von dem Kerl beleidigt wird, und da geht dem Zuschauer langsam auf, dass dieses Paar etwas sehr Kostbares verbindet. Es muss das Wissen um die Mühsal sein, Gedanken und Gefühle in Worte zu pressen, die sich mit tückischer Widerspenstigkeit dagegen wehren. Und auch des Schriftstellers eigene Traurigkeit und Lebensunfähigkeit machen ihm seine Absicht schier unmöglich, doch auch darum scheint die Frau zu wissen.

Vielleicht ist das Schreiben aber nur unter solch widrigen Umständen möglich.

Handelt davon das Stück?

„Aus der Fremde“ soll ja angeblich Jandls Selbstporträt sein und sein Verhältnis zur Kollegin Friederike Mayröcker widerspiegeln.

Mag sein. Ist aber irrelevant.

Was bleibt, ist das beklemmende Ineinandergreifen von Realität und Fiktion, von Erlebnis und Reflexion, von Wahnsinn und Normalität, von Brutalität und Zärtlichkeit.

Und später dann, wenn sich die Eindrücke gesetzt haben, merkt man: Beklemmend ist das eigentlich gar nicht. Sondern höchst spannend und inspirierend. Und sogar mutmachend. Das genau ist nämlich das Leben.