Hinrichtungsvideo

Ich habe gerade ein Hinrichtungsvideo gesehen. Auf Facebook. Wild schreiende, arabischsprachige Männer stehen in einer Reihe hinter einer Reihe kniender, anderer Araber (Iraker? Syrer?), schießen zuerst in die Luft, dann vor den Knienden in den Sandboden und dann in ihre Köpfe.

Das Blut schießt nach vorne raus, wie wir es aus Filmen von, sagen wir, Quentin Tarantino kennen. Die knienden Männer fallen alle zur Seite und rühren sich nicht mehr. Aber das reicht den Blutrünstigen nicht, dass die Hingerichteten – die Gottesfeinde? – tot sind. Eine finale Salve muss noch auf den Leichenhaufen abgefeuert werden. Erst dann drehen sie sich um, richten sich auf mit selbstbewusstem Blick in die Kamera, stecken ihre Pistolen weg, hängen ihre Gewehre über die Schultern, immer noch den Blick in die Kamera, und finden sich großartig in dem Gefühl, für den heutigen Tag richtig was weggeschafft zu haben.

Ich habe solche Bilder noch nie gesehen. Ich dachte immer, Tote oder Hinrichtungen in den Medien zu zeigen, sei verboten oder zumindest aus ethischen Gründen verpönt. Nun sind sie da, jeder kann sie sich angucken. Eine Truppe durchgeknallter Männer, genannt ISIS, vorwiegend aus dem Irak, aber ihrem Verständnis nach überregional, ist dabei, einen neuen, islamischen Gottesstaat zu errichten. Ein Kalifat! Auf fremdem Boden, nämlich im Irak, in Syrien, später dann im Libanon, im Iran, in Jordanien und Israel(!). Wer dagegen ist, ist ein Feind und gehört erschossen. Christen wie Moslems wie Kurden wie Jesiden. Erschießen auf öffentlichen Plätzen – das ist die Scharia, die angeblich dazu dient, den Geboten Gottes zu ihrem Recht zu verhelfen.

Begleitet wird der Einzug der islamistischen Terrorgruppe, der Gotteskrieger, von Gemetzel, Blutorgien, Geschrei, Drohungen und Belehrungen (der erhobene Zeigefinger!). Was haben diese Männer für ein Gottesbild? Was für ein Männerbild? Was für ein Bild von sich selbst? Es soll Männer, auch europäische, geben, die sich von dieser Art Videos so angetörnt fühlen, dass sie sofort mitmischen wollen. Angeblich sind auch 400 Deutsche dabei.

Alexander und Margarete Mitscherlich schrieben in Die Unfähigkeit zu trauern – Grundlagen kollektiven Verhaltens:

„Welterlöserische Träume von alter Größe stellen sich ein, wenn das Gefühl, von der Geschichte überholt zu sein, Ohnmacht und Wut erweckt. Ressentiments rufen dann nach dem starken Mann, nach Diktatur und Terror als mit Gott und dem Schicksal verbündeten Ordungsmächten …“

Lest, Leute!, möchte man ihnen zurufen. Bloß, wem?