Portugiesische Impressionen

Gestern haben wir Lissabon erkundet.

Die Eindrücke sind überwältigend. Angefangen beim Bahnhof von Paco de Arcos: Eine gruselige, futuristische Anlage; menschenleer. Auch die Siebziger-Jahre-Hochhäuser hier im nördlichen Teil des Ortes sehen verwaist aus, ihre Fassaden ramschig und verratzt. Wie eine Geisterstadt, nur eben eine hypermoderne.

Geradezu wie auf dem Mond ausgesetzt kommst du dir aber vor, wenn du erstmal dahinter gestiegen bist, was es mit dieser durch die Luft gelegten, silbernen Strasse auf sich hat, die in das hoch gelegene Neubauviertel von Paco de Arcos führt und einem halbierten Schlauch nicht unähnlich ist. Wir spähen durch die verglaste Station – rein kommen wir nicht -, in die der Schlauch mündet, und staunen nicht schlecht, als wir hinter der Scheibe eine Bahn entdecken. Einen stromlinienförmigen Lokwaggon. Unbemannt. Noch während wir gaffen, setzt sich das Ding plötzlich in Bewegung, nimmt Fahrt auf und flitzt durch den halbierten Schlauch den Hügel hinauf. Ohne einen einzigen Fahrgast.

EU-Gelder, vermutet PM. Hirnlos verbraten, und nun sei kein Geld mehr da, um die einmal angeschafften Bauten instand zu halten und zu verwalten.

Gleich hinter der Bahnlinie kreuzen verwegene Autobahnauffahrten die Landschaft. Sie sehen aus wie die Auffahrten in Frankreich, zukunftsweisend und im Knotenpunkt stets das obligatorische Rondell – mit Blümchenbepflanzung, wie um den ganzen Futurismus gleichsam wieder zurückzunehmen.

Nach zwanzigminütiger Bahnfahrt sind wir in Lissabon. Wir fangen an, einen der zwölf Rundgänge des Dumont-Reiseführers abzuarbeiten. Den stecken wir aber bald wieder weg, weil PM meint, man komme auch ganz von alleine an die wichtigen Stellen, und so ist es dann auch. Bis zum Abend haben wir Rundgang eins, zwei und sogar einen Teil von drei erledigt, und das, obwohl ich noch einen Stopp bei der portugiesischen Designerin Ana Salazar einlegt hab, um Röcke und Blusen und eine Hose aus der aktuellen Winterkollektion anzuprobieren:

Das Café Brasileira, mit dem der erste Rundgang beginnt, die Rua Garrett einschließlich ihrer wunderschönen Buchhandlungen und Kaffeeläden, der Largo de Carlos, die Rua do Carmo und die Carmo-Kirche, der Largo do Carmo, wo die Nelkenrevolution am 25. April 1972 die Aufständischen versammelt hat (er habe sie seinerzeit durch Petitionen unterstützt, behauptet PM!). Vom Largo de Trinidade Coelho geht’s in die Kirche Igreja de Sao Roque (sehr katholisch!), und dann trinken wir in einer hochgelegenen Bar erstmal einen Kaffee und essen, was sonst, ein Pastel de Belem.

Ich glaube, es ist an der Praca dos Restauradores, dass uns das knallrote Tuc-Tuc über den Weg fährt. Chauffiert wird es von einer jungen, wild tätowierten, jungen Frau. Die Entscheidung fällt im selben Moment, unterstützt vom Zustand unserer Füße und unseres ermüdeten Geistes. PM macht den Handel, wir steigen ein, die Lady gibt Gas und fährt uns zur Kathrdrale rauf, von dort zum Castelo Sao Jorge und dann kreuz und quer durch die Alfama.

Vera ist Spanierin, und außer Tuc-Tuc fahren singt sie auch noch Flamenco in den Strassen von Lissabon. Sie liebe die Stadt, sagt sie, aber nicht die Menschen. Die seien nämlich so!, und dabei zieht sie mit Daumen und Zeigefinger ihre Mundwinkel nach unten. Wie ihre Musik, Fado!, ergänzt sie und rollt vieldeutig die Augen.

Den Ausflug durch die Alfama hängt sie noch dran, aus freien Stücken. Der Chef wird meckern, aber – sie macht eine Handbewegung, als könnte der sie mal! Sie rast durch die Gässchen, die Leute quetschen sich an die Häuserwände, sie lächelt den Ärger von Fußgängern und Taxifahrern und anderen Tuk-Tuk-Fahrern charmant weg und gibt Gas. Sie hat grundsätzlich Vorfahrt, und so machen wir ganz schön Stecke in der begrenzten Zeit. An den schönsten Plätzen hält sie an, lässt uns aussteigen, sagt, von wo wir den besten Blick auf den Tejo und auf dies und das haben, und düst weiter.

Auf diese Weise kommen wir anschließend noch in die Baixa, die eigentlich erst für den nächsten Tag vorgesehen war: Die Praca da Rossio mit der Statue von Dom Pedro IV. auf einer hohen Säule und dem Nationaltheater, die Praca da Figueira mit der Statue von Dom João I.; die Rua Augusta, der Triumphbogen und die Praca do Comercio, ein Platz von verblüffender Ausdehnung, die von talentierten Skatern für ihre Kunststücke genutzt wird.

Abends wieder ins Restaurante Astrolabio. Fred begrüßt uns mit Handschlag und freut sich uns zu sehen. Heute empfiehlt er Lachs. Danach gibt’s ein großzügiges Stück Schichttorte, genannt Bolo de Bolacha, für mich und für PM eine Käsesahnetorte mit Granatapfel, beides himmlisch! Zum Abschied bringen sie uns einen Ginjinha an den Tisch. Das ist ein Sauerkirschlikör, schmeckt ungewohnt, aber interessant. Inzwischen ist es bald Mitternacht, und da wir auch diesmal wieder eine gute Flasche potugiesischen Sekt geleert haben, schweben wir wie auf einer Wolke ins Hotel zurück.