Schuld, Scham, Trauer

„Wo Schuld entstanden ist, erwarten wir Reue und das Bedürfnis der Wiedergutmachung. Wo Verlust erlitten wurde, ist Trauer, wo das Ideal verletzt, das Gesicht verloren wurde, ist Scham die natürliche Konsequenz.“ (S. 36)

Warum Schuld, Scham und Trauer nach dem Zusammenbruch des Hitlerregimes allerdings kollektiv ausfielen, untersuchten Alexander und Margarete Mitscherlich schon 1967 in ihrem gemeinsamen Werk Die Unfähigkeit zu trauern.

Diese Unfähigkeit, die einzig angebrachten – edelsten menschlichen – Gefühle zunächst mal zu empfinden und dann auch zu äußern, lässt sich zusammenfassen als das Resultat einer intensiven Abwehr. Die Hitlerbefürworter und die Judenmordbefürworter hätten nicht mehr in den Spiegel schauen können, nachdem ihr immerhin mehrere Jahre währendes Treiben von den Siegermächten als Irrtum entlarvt worden war. Als ein kolossaler und monströser Irrtum. Als Irrtum, der ihr Gewissen für Jahre außer Kraft gesetzt und durch infantile, aber schillernde Omnipotenzphantasien ersetzt hatte.

Die Herrenrassegeneration musste sich von ihren Omnipotenzphantasien nicht nur verabschieden, sondern sie musste ganz neu anfangen. Neue Moral- und Wertevorstellungen, ein neues Gewissen, eine neue Staatsform, neue soziale Bindungen, neue Menschen. Die berühmte Stunde Null! Es gab aber vor allem den alten Menschen, und um diesen Tatbestand überzeugend zu übertünchen, begann der alte und nazi-kontaminierte Mensch, all seine Kraft in das Erblühen der Wirtschaft und der Industrie zu investieren. Darüber konnte er vergessen, was er Furchtbares angerichtet hatte.

Bis heute lebt er sehr gut damit – falls er noch lebt. Weil er nicht nur vergessen hat, sondern beinahe sich selber glaubt, das alles habe gar nicht stattgefunden. Die Gräueltaten des NS-Staates, die eigenen Gräueltaten und seine blinde Gefolgschaft an einen Größenwahnsinnigen waren nur ein schlechter Traum. Entrealisierung heißt dieser Prozess, mit dem der Täter sich selbst eine große und unverdiente Gnade angedeihen lässt.

Übrigens lässt sich diese Theorie auf jeden Täter übertragen. Sie erklärt sehr einleuchtend den irritierenden Tatbestand, wie so mancher, der wirklich was auf dem Kerbholz hat, so unbefangen damit leben kann. Der Autofahrer, der besoffen einen anderen Verkehrsteilnehmer tot gefahren hat und den keine andere Sorge quält, als möglichst zack zack seinen Führerschein zurückzukriegen, die Eltern, die ihre Kinder mit ihrem eigenen unbefriedigten Ehrgeiz tyrannisieren, die Ehepartner, die sich jahrelang betrügen und den Dolch im Herz des anderen noch einmal rumdrehen, bevor sie ihn ziehen, die alle können oft erstaunlich relaxed durch den Tag spazieren, als wäre nichts gewesen.

Es war aber was. Und dazu muss man kein Nazi gewesen sein.

Fazit: Ein Buch, das dir die Abgründe der Welt erklärt.

 

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Wie eng Politik und Psychoanalyse zusammenhängen, wird an der Schuldfrage deutlich.

„… Deshalb sind Wiederholung innerer Auseinandersetzungen und kritisches Durchdenken notwendig, um die instinktiv und unbewusst arbeitenden Kräfte des Selbstschutzes im Vergessen, Verleugnen, Projizieren und ähnlichen Abwehrmechanismen zu überwinden. … Denn nur der Kranke, dessen Leiden am Symptom größer ist als der Gewinn aus der Verdrängung, findet sich bereit, seine Bewusstseinszensur für die Wiederkehr des Verleugneten und Vergessenen schrittweise zu lockern.“ (S. 24)

Sich den Erkenntnissen der Psychoanalyse zu stellen, bedeutet auch, an eigenen Schandtaten nicht vorbei zu kommen, für die es sich zu schämen lohnt (s.o.).