Täter und Opfer

Die emotionale Abwendung des „Täters“ über 20 lange Jahre hat natürlich ihre Entsprechung auf der „Opfer“-Seite, dieses Nichtvorhandensein von Emotionen – auch Empatiheunfähigkeit genannt – zu ertragen und durch unermüdliche Bemühungen zu korrigieren (real oder bloß in der Phantasie).

Die Korrekturbemühungen des „Opfers“ können sogar so weit gehen, ein Buch zu schreiben. (Das, was das „Opfer“ am besten kann.) Ein Buch, um den geliebten „Täter“ endlich gefühlsmäßig zu erreichen. Durch größtmöglichen Aufwand auf der „Opfer“-Seite eine minimale Reaktion auf der „Täter“-Seite hervorzurufen – das würde dem „Opfer“, so verdreht wie es ist, ja schon genügen.

Das „Opfer“ wird immer leer ausgehen. Die Bemühungen sind nie groß genug. Das „Opfer“ hat nur eine einzige Möglichkeit, und diese Möglichkeit ist ein großes Glück: Es kann lernen! Höchstwahrscheinlich hat es eine Geschichte, die ihm die „Opfer“-Rolle nahegelegt hat. Auch der „Täter“ hat seine Geschichte, die ihm die „Täter“-Rolle nahegelegt hat. Doch die braucht das „Opfer“ nicht länger zu interessieren, hat es erstmal angefangen, hinter seinen eigenen Psychovorhang zu schauen.

Und mit einem Schlag wird ihm klar, warum es sich den „Täter“ angetan hat.

Danach verändert sich alles. In ganz kleinen Schritten beginnt ein faszinierendes Spiel. Das „Opfer“ erkennt, wie oft es auf der richtigen Spur gewesen ist, seinen eigenen Gefühlen aber nie über den Weg getraut hat. Es erkennt, dass jahrelang Erlerntes auch entlernt werden kann.

Dass es Menschen gibt, die keine Opfer einfordern.

Dass es keine Opfer mehr bringen muss.