Social Freezing

Social Freezing? Heißt im Klartext: Eizellen werden auf Kosten der Firma eingefroren, um gut ausgebildete, weibliche Arbeitskräfte nicht an Heim und Herd zu verlieren. Statt schwanger zu werden, sollen sie sich lieber auf ihre Karriere konzentrieren – soviel zu social; wir sprechen über den neuesten Coup von Facebook, Apple und Google.

Frauen dürfen ihren Kinderwunsch also auf später verschieben. Alles liegt ja tiefgefroren bereit.

Der Vorschlag ist vollkommen daneben! Seien wir ehrlich: Eine Gesellschaft, in der solche Vorschläge ernsthaft diskutiert werden – noch dazu unter dem tricky Leitwort sozial, hat sich selbst an die Wand gefahren.

Wir mit unserer großartigen Aufklärung, von der wir unverrückbar nach wie vor annehmen, dass ihre Errungenschaften bis in die hintersten arabischen Emirate leuchten, wir mit unserer hehren Demokratie und unseren Menschenrechten – wir sind mit solchen Vorschlägen im Gepäck wirklich am Ende.

Kinder sind nicht länger das Resultat einer Liebesnacht, sondern eines Arbeitgeber-Wirtschaftsplanes. Zuerst noch eine Fortbildung gemacht, zuerst noch ein paar Kunden über den Tisch gezogen, und dann erst gehts ans große Auftauen. Dass die Risiken für Mutter und Fötus mit steigendem Alter zunehmen, interessiert niemanden. So schnell wie der Fötus eingepflanzt wird, so schnell ist er ja auch wieder rausgespült, falls er nichts taugen sollte. So what?

Dass die Menschenrechte damit den ökonomischen Interessen zum Opfer gebracht werden – wie auch zwischenmenschliche Beziehungen und nicht zuletzt die Romantik, um das Drama mal beim Namen zu nennen -, interessiert auch nicht weiter. Oder hat jemand die Kinder gefragt, wie sie dazu stehen, dass sie ihre Existenz einer Kosten-Nutzen-Berechnung des mütterlichen Bosses verdanken? Hauptsache, der Laden brummt und wenn der Boss froh ist, ist Mutti es auch. Am frohsten wird er allerdings sein, wenn es nichts wird mit den lieben Kleinen aus den Gefrierboxen. Kinderlos stehen die Frauen ihm schließlich am reinsten zur Verfügung.

Komisch, dass gerade in den letzten Wochen immer wieder Berichte von ganz jungen Männern und Frauen auftauchen, die unserer Gesellschaft den Rücken kehren und sich dem IS-Terror in Syrien anschließen. Was treibt sie in die Arme der Radikalislamisten? Lesen sie keine Zeitung? Sehen sie die Bilder nicht? Von den öffentlichen Hinrichtungen? Von den Gewaltorgien? Von den komplettverschleierten Frauen, deren Blick auf die Welt nicht mal mehr durch einen Sehschlitz fallen darf? Die, bevor sie verkauft und versklavt werden, mit Ketten aneinander gebunden abgeführt werden wie Vieh zum Markttag?

Offenbar verliert unser Gesellschaftsmodell an Überzeugnungskraft. Vielleicht funktioniert es auch nicht mehr lange. Immer häufiger überraschen ehemalige Banker und Börsianer durch ihre Grundsatzzweifel an der Marktwirtschaft. Hat das am Wachstum orientierte Wirtschaftsmodell ausgedient? Der Einzelkampf, der Konkurrenzkampf, der allgegenwärtige Zwang zur Optimierung haben uns sehr, sehr müde gemacht.

Die Kirchen halten sich zu all dem fein bedeckt. Schade, schade, schade, dass Margot Käßmann ihr Amt für ihren guten Ruf aufgegeben hat. Sie hatte die Power, Wahrheiten auszusprechen; unvergessen ihr berühmter Satz „Nichts ist gut in Afganistan.“ Wie heißt eigentlich der derzeitige Landesbischhof? Nikolaus Schneider? Ist der nicht längst zurückgetreten?

Die einzigen Werte, die uns, bzw. die Presse tagtäglich beschäftigen, ist die Befindlichkeit der Konjunktur. Aufschwungphasen und Hochkonjunktur machen uns glücklich, Rezession und Depression rufen ebensolche in unserem psychischen Haushalt hervor.

Ist es das, was wir guten Gewissens unsern Kindern beibringen wollen? Sorry, Gewissen! – ja, schon klar, klingt beinahe so verstaubt wie Tugend oder Moral und entstammt irgendwie noch einem anderen, längst versandeten Jahrhundert.

Womit wir, so zumindest eine mögliche These, bei der Attraktivität religiöser Heilsbotschaften wären. Der „Islamische Staat“ (IS) weiß zwischen Schwarz und Weiß zu unterscheiden, und von komplizierten Grauabstufungen ist da eher mal nicht die Rede. Bei uns dagegen ist alles grau, alles relativiert sich. Man muss es nur lange genug hin- und herwenden.

Und so gewinnen archaische Vorstellungen von rein und unrein plötzlich eine nie geahnte Aktualität mitten in unseren säkularen Gesellschaften, die auf metaphysische Fragen keine Antworten haben und der Sehnsucht nach Transzendenzerfahrungen nur mit Ignoranz oder Hilflosigkeit gegenüberstehen.

Wir haben keine Vision mehr außer dem Wachstum des Marktes. Heute heizt Social Freezing die arbeitsethische Kontroverse an, morgen ist es ein anderes zynisches Modell. Irgendwie gewöhnt man sich an alles. Das ist nicht nur verdammt wenig, das ist auch armselig für eine Gesellschaft, die sich auf die Tradition der menschlichen Vernunft beruft.