Marion Brasch: Wunderlich fährt nach Norden

Obwohl ich die ZEIT seit heute mal wieder boykottiere wg. zwei unsäglich infantiler Artikel auf zeit.de über den deutschen Ost-West-Konflikt (bzw. wg. zwei Artikeln, die daraus überhaupt erst – wieder – einen Konflikt machen) hier ein lesenswertes Interview aus dem ZEIT MAGAZIN NR. 32/2014 vom 17. AUGUST 2014 mit Marion Brasch, Autorin des wunderbaren Romans Wunderlich fährt nach Norden:

DAS WAR MEINE RETTUNG – „Schmerz kann ein großer Motor sein“
Die Schriftstellerin Marion Brasch hatte Liebeskummer. Sie schrieb darüber einen Roman – für sie war das ein Aufbruch. Von Ijoma Mangold

17. AUGUST 2014, 19:15 UHR
ZEITmagazin: Frau Brasch, in Ihrer Familie gab es immer den Zug ins Radikale. Ihr erster Roman erzählt ja davon, mit welcher Unbedingtheit sich Ihre Brüder Thomas und Peter, die beide Schriftsteller waren, gegen den Vater, einst stellvertretender Kulturminister der DDR, und gegen den Staat auflehnten. Haben Sie da nie mithalten wollen?

Marion Brasch: Ich habe meine Brüder bewundert für ihre Art, die Welt zu sehen und sich an ihr zu reiben. Das habe ich in dieser Weise nie getan. Außerdem hatte ich nicht das Sendungsbewusstsein, mit dem sie ihre Gedanken in die Welt brachten. Sie waren Intellektuelle, das war ich nie. Und sie hatten diesen heiligen Zorn. Ich hingegen habe mich – und das ist gar nicht kokett gemeint – eher für durchschnittlich gehalten, habe mich treiben lassen und war intellektuell wie auch künstlerisch ohne große Ambitionen. Vielleicht hat mich genau das vor einem Schicksal wie dem meiner Brüder bewahrt.

ZEITmagazin: Wie sind Sie damit umgegangen, dass Ihre Familiengeschichte immer so etwas Exemplarisches hatte für den Zustand der DDR?

Brasch: Ich habe das nie so wahrgenommen beziehungsweise erst sehr viel später verstanden, dass es so war. Für mich war das Leben in dieser Familie ein relativ normales, was wohl daran lag, dass mein Vater immer den Ball flach gehalten hat, was seine Person betraf. Dass er dem Staat gegenüber jedoch um so vieles loyaler war, als er das seinen Söhnen gegenüber zu sein vermochte, habe ich erst wirklich verstanden, als ich das Buch geschrieben habe. Und da wurde mir auch klar, dass meine Familie im Kleinen das ausgetragen hat, was dem Staat im Großen widerfuhr: Die Söhne kamen dem Vater abhanden und die Kinder dem Land.

ZEITmagazin: Ihr Roman Wunderlich fährt nach Norden, der gerade erschienen ist, beginnt mit dem Satz: „Wunderlich war der unglücklichste Mensch, den er kannte.“ Waren Sie selber einmal richtig unglücklich?

Brasch: Na klar. Wie vermutlich jeder Mensch. Bei Wunderlich ist dieses Unglück ein großer Liebeskummer, der aber schließlich immerhin dafür sorgt, dass er sich auf eine Reise begibt. Und so etwas Ähnliches habe ich eben auch getan, nur dass ich nicht verreist bin, sondern eine Geschichte geschrieben habe über einen Unglücklichen, der eine Reise macht. In gewisser Weise ist Wunderlich also stellvertretend für mich verreist, das war sehr komfortabel. Ich konnte ihn begleiten und ihm zusehen, wie er klarkommt und sich mehr und mehr von der Ursache seines Kummers und damit vom Kummer selbst entfernt. Für mich war also die Geschichte, die ich Wunderlich geschenkt habe, mein Weg nach vorn.

ZEITmagazin: Aus welchem Unglück heraus?

Brasch: Na ja, eben auch aus einem Liebeskummer. Das ist ja das Tolle an der Kunst – man kann mit ihr und durch sie nicht nur Unglück ausdrücken, sondern etwas ganz Neues daraus machen; Schmerz kann ein großer Motor sein, und das habe ich eben auch erfahren. Und ich habe verstanden, dass eine Enttäuschung immer auch eine Ent-Täuschung ist – die deutsche Sprache ist ja in dem Fall wirklich genial. Enttäuschung tut weh, in der Liebe wohl am allermeisten. Doch irgendwann lernt man, dass man einer Täuschung aufgesessen ist, und wird auf wundersame Weise und buchstäblich ent-täuscht.

ZEITmagazin: Worin bestand die Täuschung?

Brasch: In der Annahme, dass das jetzt das einzige, große und wahre Glück sei und dass man im gleichen Maß zurückgeliebt wird, wie man selbst liebt. Wenn man feststellt, dass das nicht so ist, tut das natürlich unendlich weh. Und wenn man dann auch noch zur Melancholie neigt, kann man prima darin ertrinken – wenn man nichts unternimmt.

ZEITmagazin: Haben Sie nicht um diese Liebe gekämpft?

Brasch: Nein, ich habe es akzeptiert. Es ist, wie es ist. Natürlich hat es verdammt wehgetan, doch was soll man machen? Und andererseits: Mit halbem Herzen geliebt zu werden macht auch keinen Spaß. Diese Erkenntnis kommt natürlich erst viel später, klar. Erst mal tut man sich leid, ist untröstlich, leckt seine Wunden und findet das Leben extrem scheiße. Und in genau dieser Situation habe ich eben den Satz „Wunderlich war der unglücklichste Mensch, den er kannte“ hingeschrieben und gemerkt: Okay, das ist nicht schlecht. Projiziere einfach das ganze doofe Unglücklichsein auf jemand anderen und mache ihn zu deinem Stellvertreter. Ein Jahr lang habe ich an dem Buch gearbeitet.

ZEITmagazin: Und heute geht es Ihnen wieder gut?

Brasch: Ja, ohne Wunderlich wäre ich definitiv länger traurig gewesen. Der Typ hat genau das gemacht, was ich schon längst hätte tun sollen: Er hat einen Tritt in den Hintern bekommen und ist losgegangen.

MARION BRASCH
53, ist in Berlin geboren. Ihr Vater Horst Brasch war ein hoher DDR-Funktionär, einer ihrer Brüder war der Schriftsteller Thomas Brasch. Über ihre Familiengeschichte schrieb Marion Brasch das Buch Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie. Sie arbeitet als Radiomoderatorin in Berlin