G. und die bösen Geister

Die ganze Woche ist Gisela da.

Eine neue Freundin, durch Zufall in mein Leben geflogen.

Für sie eine Art Ferien vom Alltag in Oberhausen, wo sie lebt. 1989 ist sie in den Westen gekommen, privat bisschen enttäuscht, beruflich frustriert, jetzt trotz Mehrfachqualifikation arbeitslos, Hartz IV. (Vielleicht eine Verliererin des Mauerfalls.)

Wir laufen durch Tübingen, durchstöbern Geschäfte, trinken im Café Binder Irish Coffee.

Als ich heute (Donnerstag) Abend von der Arbeit komme, hat sie den Weihnachtsbaum abgeschmückt und auf die Straße verfrachtet, die ganze Wohnung gesaugt und dazu riecht es unglaublich gut nach Essen (Gemüsepfanne, Champignonsoße und Putenschnitzel). Zum Nachtisch essen wir Pralinen, die G. noch unter dem Weihnachtsbaum gefunden hat. (Geschenk von L.)

So ist nach Hause kommen.

Steve auch da. Gute Stimmung. Offenheit, Freundschaft, Zugewandtheit. (Mit)geteilte Enttäuschungen, Freuden und Hoffnungen. Wir sitzen bis weit nach Mitternacht zusammen bei Weißwein, Wulle und Ouzo. (Oups, lauter Dreiklänge.)

Was mir jetzt gerade auffällt: Gisela hat endgültig die bösen Geister vertrieben, die manchmal mit heimtückischer Nachhaltigkeit noch in den dunklen Winkeln des Zimmers hocken. Wie reingehackt die Spuren im Parkett: Zerschlagene Teller (Rosenthal!), zertrümmerte Kirschbaumstühle und Kerzenleuchter, ein umgekipptes Bücherregal (warum eigentlich immer meine Sachen?), Gewalt und Chaos von zwei Jahrzehnten. Die Angst. Die Eifersucht (das Besserseinwollen als sämtliche Ex-, Immernoch- und Wiederfreundinnen zusammen, diese vollkommen vergebliche, von vorn herein zum Scheitern verurteilte Herausforderung, dieses Hochpeitschen von Leistungen, wo doch andere Qualitäten nie zum Glänzen kommen dürften).

Zwanzig Jahre alte Angst.

(Die Tyrannei* eines Ohnmächtigen. Die Macht eines Schwachen. Die billigste/risikoärmste Machtvariante eines Schwachen ist die Ignoranz: Gib einem zu verstehen, er ist Luft für dich, und seine Betroffenheit ist dir hundertprozentig sicher.)

Gisela kommt im Februar wieder. Ich freu mich.

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*Tyrann bezeichnete in der griechischen Antike den Inhaber einer Tyrannis, später allgemeiner einen Herrscher, dem die Legitimität abgesprochen wurde (!) …