Zu viel

Vielleicht doch eher das hier?, sagt die Verkäuferin und hält mir ein navyblaues T-Shirt hin, während ich in dem lila Shirt (so ein richtig katholisches Festtagslila) vorm Spiegel stehe und denke: Mann, was für eine Farbe!
Über dem lila Shirt leuchtet die türkisfarbene Kette, wegen der ich rein gekommen bin, denn die Kette hing bis vor zehn Minuten im Schaufenster und hat meinen Blick im Vorbeigehen eingefangen.

Zu bunt, sagt die Verkäuferin. Zu laut.

Zu bunt? Zu laut? Volltreffer! Todesurteil! Sag mir einer: Du bist zu irgendwas, schon stehe ich mit dem Rücken zur Wand.

Ich bekomme Schuldgefühle. Ich schäme mich. Zu bunt, zu laut, das ist fast so schlimm wie M.’s ewiges: Du willst zu viel. Du erwartest zu viel. Immer hast du zu viele Projekte am laufen!

Genauso schnell fällt mir die Stimme meiner Mutter ein:
Du hast zu viele Zähne beim Lachen.
Du hast zu große Augen – wie Untertassen so groß!
Du hast zu lange Arme und Beine.
Du bist zu dünn.
Du bist zu dick.
Du bist zu langsam.
Du bist zu schnell.
Du hast zu viele Freundinnen (heißt: Wieso mögen die dich? Weil die nicht wissen, wie du wirklich bist …).
Du gibst zu viel Geld aus.
Du begeisterst dich zu schnell.
Du arbeitest zu viel (heißt: Dafür hast du zu wenig Erfolg).
Du bist mir zu schlagfertig.
Du trägst zu hohe Schuhe (heißt: Du hattest schon immer so einen Kuhgeschmack).

Klar ist das zu bunt, fast schon grell ist das ja. Türkis und Lila, tststsss, geht ja gar nicht! (Wieso hab ich das nicht selbst gemerkt?)

Na gut, sage ich, gehe zurück in die Kabine und ziehe das Lilafarbene aus und das Navyblaue an. Ein bisschen weiter geschnitten, auch ist der Ausschnitt höher, wodurch es sportlich und irgendwie unangreifbar aussieht. Wieder lege ich die Kette um. Na also. Türkis und Blau, dagegen kann keiner was sagen.

Find ich viel besser, sagt die Verkäuferin. Ruhiger. Sie sieht erleichtert aus.

Hm. Noch während ich mit meinem Spiegelbild hadere, klopft es hinter mir an die Scheibe, ich drehe mich um, es ist Marion. Ich mache ihr Handzeichen, dass sie reinkommen soll, sie öffnet die Tür, ich sage, Mensch, Marion, du kommst wie gerufen, hast du zwei Minütchen, wie findest du das hier?

Marion guckt an mir rauf und runter und sagt: Langweilig.

Langweilig? Na ja, sage ich, finde ich auch, ein bisschen jedenfalls. Da gibts noch ein anderes, aber das ist lila.

Anziehen!, sagt Marion, und als ich wenige Sekunden später damit aus der Kabine komme, das Shirt jetzt festtagslila und schmal geschnitten, darüber die leuchtend türkisfarbene Kette, hält sie den Daumen hoch: Tausend Mal besser. Das bist du. Das andere nimmst du in zwanzig Jahren.

Ist es nicht zu bunt? Zu laut?, frage ich leise.

Es ist bunt und sitzt!, sie sieht mich streng an: Das merkst du doch selber.

Danke, sage ich.

Ich bezahle das Shirt und die Kette. Marion steht neben mir, ich habe das Gefühl, sie passt auf.

Du trägst doch nie Dunkelblau, sagt sie fassungslos, als wir draußen sind.

Stimmt. Aber Lila. Ich habe alles richtig gemacht. Dauert bloß manchmal ein bisschen. Bis ich weiß, was richtig ist.