Spannend – steht dem Islam seine „Reformation“ bevor?

Hamed Abdel-Samad (06.02.2015 auf facebook)

Kritik und öffentlicher Druck bringen schon was. Die grausame Ermordung des jordanischen Piloten Muath Al-Kasasbeh durch den IS hat eine Welle der Empörung in der arabischen Welt ausgelöst. Nicht nur der IS, sondern der orthodoxe Islam insgesamt steht nun in der Kritik. Die vom Religionsministerium im Golfstaat Katar betriebene Webseite (islamweb.net) musste eine alte Fatwa vom Netz nehmen, die die Verbrennung eines Menschen bei lebendigem Leibe aus islamischer Sicht unter bestimmten Umständen zulässt.
Im ägyptischen Fernsehen hat der Journalist Ibrahim Issa zum ersten Mal in der Geschichte des Landes Mohameds Nachfolger und ersten Kalifen des Islam Abu Bakr kritisiert, da er laut der islamischen Quellen einen Abtrünnigen zum Tode verbrannte. Die „recht-geleiteten“ vier Kalifen, die nach Mohamed kamen, galten sonst immer als tadellose Vorbilder für alle sunnitischen Muslime.
Öffentliche Aufrufe vermehren sich in Ägypten, die Lehrpläne der religiösen Al-Azhar Institution von der Theologie des Hasses und die Hetze gegen Ungläubige zu bereinigen. Öffentliche Kritik an Al-Azhar hatte es früher auch nie gegeben.
Die Al-Nur Moschee in Berlin, die für ihre orthodoxe Auslegung des Islam bekannt ist, musste einen Prediger vor die Tür setzen, weil er sexuelle Unterwürfigkeit der Frau gegenüber ihrem Mann forderte. Dabei hat er nichts anders gepredigt als das, was in den authentischen Quellen des Islam zu finden ist.
Im Internet toben Diskussionen unter jungen gläubigen Muslimen. Viele von ihnen lehnen Teile der Scharia wie Körperstrafen und Tötung von Apostaten, Kriminalisierung von Homosexuellen deutlich ab.
Es verändert sich langsam was. Viele Muslime haben schon begriffen, dass die Formel „Es hat mit dem Islam nichts zu tun“ niemandem mehr hilft, sondern die Probleme eher verschlimmert. Ein inner-islamische Kampf der Kulturen ist voll im Gange. Man sollte jene Kräfte unterstützen, die eine Veränderung herbeiführen wollen, statt die Islamverbänden politisch aufzuwerten, die jede kritische Diskussion und somit jede Veränderung im Keime erstecken wollen! Auch eine Anerkennung des Islam als Teil Deutschlands bevor solche Prozesse die erwünschten Veränderungen bringen, halte ich für konterproduktiv!