Achtundneunzig

98 scheint ein Alter zu sein, das den Mitgliedern meiner Familie mütterlicherseits zum Sterben geeignet scheint.

Mein Großvater schlief wie jeden Tag mittags auf dem Sofa, auf der Chaiselongue, ein und wachte nicht mehr auf – er war 98. Er war ein friedlicher Mensch, und friedlich war sein Sterben. Meine Oma, die deutlich jünger war als er, lebte noch viele muntere Jahre allein, bis sie in das obere Stockwerk im Haus meiner Eltern umzog.

Sie ging uns allen mächtig auf die Nerven. Sie müsse noch über so vieles nachdenken, behauptete sie, aber in Wirklichkeit musste sie noch so viele Leute ärgern und gegeneinander ausspielen. Das tat sie gründlich, bis auch sie – mit 98 – starb.

Tante M., ebenfalls eine große Nervensäge vor dem Herrn, würde ja gerne sterben, wie sie jedem erzählt, und wehe, einer vergisst darauf heftig zu protestieren, aber leider ist sie erst 86. Inzwischen wird sie liebevoll von zwei polnischen Pflegekräften mit starken Nerven versorgt, die abwechselnd die früheren Zimmer meiner Großeltern bewohnen. Platz ist genug da. Zur Entourage von Tante M. gehören auch noch mehrere Nachbarinnen, ein Gärtner, ein Mann fürs Grobe, ungezählte Pflegerinnen und Pfleger des ambulanten Dienstes und eine junge Frau aus dem Dorf.

Tante M hört fast nichts mehr, und mit dem Sehen klappt es auch nicht mehr so gut, aber ihre Kraft in Sachen Bosheit ist schier unerschöpflich. Eigentlich ist sie der unproduktivste Mensch der Welt. Sie nützt niemandem und schadet vielen, und das scheint ihr zu gefallen.

Sie hat ja auch noch 12 Jahre Zeit dafür.