Brauchen wir den Feminismus noch?

Am 08.08.2015 hat Jens Jüttner auf Facebook den WELT.de-Artikel „Warum mich der Feminismus anekelt“ von Ronja von Rönne gepostet. Ich kommentierte daraufhin, es mache sich nicht gut, als Mann einen intellektuell so unterirdischen, antifeministischen Artikel weiterzuverbreiten. Daraufhin er:

  • Jens Jüttner Erleuchten Sie mich/uns.
  • C Juliane Vieregge Schlechte Voraussetzungen, oder? WELT hat manchmal eben BILD-Niveau. Aber manchen gefällt’s …
  • Jens Jüttner Frau Vieregge, kommt da inhaltlich noch was an Argumenten oder begnügen Sie sich damit, die Autorin als ignorant und der Welt ein BILD-Niveau zu attestieren?
  • C Juliane Vieregge SEUFZ! Mit dieser Provokation haben Sie (Du?) mich. Und damit fängt der Feminismus an. Frauen fühlen sich ad hoc in die Verantwortung genommen. Wäre ich ein Mann, würde ich jetzt lachen und Sie/Dich einfach wegklicken. Eigentlich habe ich nämlich keine Zeit. Aber Ihre (nein, ich bleibe jetzt beim Du), Deine Frage löst bei mir einen spontanen Drang zur Überzeugungsarbeit aus.

    Womit wir, OT, bei der Wertung wären: Ja, ich gebe es zu, männliches Verhalten hat eindeutig manchmal seine Vorteile, und Frauen können sich davon eine Scheibe abschneiden. Aber darum geht es ja hier nicht. Es geht um ARGUMENTE.Also: Die Autorin Ronja von Rönne leitet ihren geistigen Tiefflug mit der Feststellung ein, sie sei keine Feministin, sondern Egoistin. Allein an diesem Scheinwiderspruch könnte ich mich jetzt länger aufhalten, weil er so sinnfrei daherkommt und weil von Rönne sich selbst später so fulminant darin verheddert. Aber lassen wir das und gehen weiter: Sie brauche den Feminismus nicht, sagt sie. Na, schön für sie. Aber warum ekelt er sie an?Sie beruft sich auf unsere – weibliche – Bundeskanzlerin, um zu belegen, dass Frauen an die Macht kommen können (frau muss nur wollen!). Also: Alle gleichberichtigt, alles gut? Hm. Hat die Dame mal die Gleichsstellungsdebatte gegoogelt? Nee, wahrscheinlich nicht. Der letzten Einkommensstatistik zufolge verdienen Frauen in Deutschland im Schnitt 22 Prozent weniger als Männer, und das bei gleicher Arbeitsleistung. Aber wahrscheinlich nimmt von Rönne sich selbst als Nabel der Welt: Bei mir stimmt alles, also stimmt es für die andern auch. Oder? Welche Art von Journalismus ist das denn? Schreiben über sich selbst? Da fehlt mir doch der Blick über den persönlichen – meinetwegen sehr privilegierten – Tellerrand.Extrem unsympatisch wird mir die Dame, wenn sie – ultraliberal – mit dem Markt argumentiert: „Wenn Firmen ihre Produkte mit nackten Frauen bewerben, halte ich das für gerechtfertigt, offensichtlich gibt es ja den Markt dazu.”Ja, schön. Offenbar ist sie ein FDP-Girlie oder zumindest im (elterlichen?) wirtschaftsliberalistischen Geist aufgewachsen. Ich übrigens auch. Aber mein Blick über den Tellerrand hat mir ziemlich früh gezeigt, dass es auch andere Lebensverhältnisse gibt als meine eigenen, privilegierten. Und dass mein Wohlsein auf dem Unwohlsein anderer Menschen aufgebaut ist.Wer kapitalistisch argumentiert, ist niemals Feministin!

    Ob jetzt der Kapitalismus der Hauptwiderspruch ist und die patriarchalen Verhältnisse der Nebenwiderspruch – oder umgekehrt, sei mal dahingestellt. Aber wer sich ernsthaft mit der Rolle der Frau in der Menschheitsgeschichte beschäftigt, der kommt ziemlich schnell an die großen Themen wie unser Wirtschafts- und Geldsystem, unser gesellschaftliches Rollenverhalten (s. oben) und unsere Sexualität, eine der Urformen menschlicher Ausdrucksebenen.Spätestens jetzt müsstest Du merken, dass es beim Feminismus keineswegs um eine individualistische, egoistische Ich-für-mich-Bewegung geht und auch noch nie ging, wie Ronja von Rönne das irrtümlich annimmt (unerträgliche Unwissenheit der Historie!). Nur deshalb kann sie so erbärmliche Sätze wie diese hier von sich geben: „Früher hat sich der Feminismus doch durchgesetzt, weil die Frauen, die mürrisch auf die Straße gingen, selbst betroffen waren. Sie kämpften nicht für eine obskure dritte Instanz, sondern für sich selbst. Mittlerweile ist der Feminismus eine Charityaktion für unterprivilegierte Frauen geworden, nur noch Symptom einer Empörungskultur, die sich fester an die Idee der Gleichheit klammert als jedes kommunistische Regime.”HÄ?Von Rönne scheint über ihr Glück eines gut bezahlten Jobs bei WELT-de die Ernsthaftigkeit vergessen zu haben. Sonst müsste sie – neben vielem anderen – auch mitgekommen haben, dass seit mindestens 30 Jahren Feministinnen nicht mehr an Birkenstocks zu erkennen sind. Ich jedenfalls habe noch nie welche besessen, ich stehe auf Highheels.Diese Art der Provokation ist ärgerlich, weil so durchschaubar. Von Rönne will ihren Job behalten, da muss sie schon zu solchen Keulen greifen. Wobei die Keulen in ihrem Fall gar keine Provokationen sind. Oder nur scheinbare. Von Rönne spricht aus, was die Typen bei WELT.de denken. Sie ist absolut mainstream. Die einzige Provokation besteht darin, dass sie als Frau die Argumente der Männer übernimmt. Das gab es aber immer schon. Das ist ganz alt. Ich könnte jetzt die Juden anführen, die Juden mitverfolgt haben, oder Schwarze, die Schwarze hassen (böse, böse!)Von Rönne tut genau das, was sie dem Feminismus vorwirft: Sie kämpft um Aufmerksamkeit. Das ist es, was ihren Artikel so ärgerlich macht. So sinnfrei. Im Zentrum steht bei ihr die Karriere. Am besten die eigene. Die soll beweisen, dass der Feminismus ausgedient hat. Na, Prost Mahlzeit!

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    Ergänzung:
    Der Feminismus war mein Weg in die Politisierung. Also im Sinne einer politischen Theorie, die, wie Wikipedia es so schön ausdrückt, die Gesamtheit gesellschaftlicher Verhältnisse verfolgt und „einen grundlegenden Wandel der sozialen und symbolischen Ordnung anstrebt“, auch in den „vertrautesten und intimsten Geschlechterverhältnissen“, um diese zu deuten und zu kritisieren.

    Das Private ist politisch. Das ist meine Grundüberzeugung und die Grundlage meines Schreibens.

    Ich schließe mich Mara Delius an, die am 07.04. 2015 in der WELT schreibt:

    „Ich kann mir kein reaktionäreres Statement vorstellen als: Ich bin eine Frau, und ich brauche den Feminismus nicht. – Coco Chanel, Hannah Arendt, Julie Burchill, Clarice Lispector, Ayn Rand, Diana Vreeland, Sylvia Plath, Carine Roitfeld, Joan Didion, Margarete Mitscherlich – jede der Frauen, mit denen ich intellektuell zu tun haben will, hat sich denkend mit ihrem Frausein beschäftigt, auch wenn sie sich dabei vielleicht nicht als Feministin gesehen hat. Die Auseinandersetzung mit sich selbst als Einzelner schafft erst die Möglichkeit, eigenständig zu denken…“