KZ-Gedenkfeier Ravensbrück – hochnotpeinliche Symbolik

KZ-Gedenkfeier Die 90 geladenen Überlebenden des KZ Ravensbrück standen nicht im Zentrum des Interesses. Die Feier zum 70. Jahrestag der Befreiung verkam zur Polit-Farce

 

Hannah Rainer und Jakob Wischniowski, beide Studenten und beide vom ehrenamtlichen Helfer-Team, empfanden die Situation am Mittagstisch als zynisch (Spiegel-online, 25.04.15): Geholfen hatten sie bei der Gedenkfeier am vorigen Sonntag auf dem Gelände des ehemaligen KZs Ravensbrück. Gedacht wurde der Befreiung des Lagers vor 70 Jahren.

Eingeladen neben den üblichen (verdächtigen) Ehrenträgern waren auch die wenigen ehemaligen Häftlinge, die heute noch am Leben sind, 90 an der Zahl. Insgesamt nahmen 1000 Gäste teil.

Wir kennen die Berichte über die KZs, wir sind schließlich eine aufgeklärte Nation. Aufgeklärt seinerzeit – der kurze Rückblick sei erlaubt – dank des gar nicht hoch genug einzuschätzenden Einsatzes von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der, selber Jude und ehemaliger Inhaftierter des KZs Heuberg, später nach Dänemark floh und in Schweden untertauchte, um 1949 nach Deutschland zurückzukehren. Zurückzukehren in ein Deutschland, das schon zehn Jahre nach der Ermordung von sechs Millionen Juden alle Gräueltaten verdrängt und vergessen hatte. Bauer wurde Landgerichtsdirektor am Landgericht Braunschweig, 1956 wurde er in das Amt des hessischen Generalstaatsanwalts mit Sitz in Frankfurt a.M. berufen, das er bis zu seinem Tod 1968 innehatte.

Zuvor hatte Bauer anlässlich des Remer-Prozesses als erster den NS-Staat als Unrechtsstaat deklariert. 1959 wurde auf seine Initiative hin der Prozess gegen die Auschwitz-Täter vom Bundesgerichtshof dem Landgericht Frankfurt am Main übertragen. Damit begann auf Bauers Weisung das langjährige Ermittlungsverfahren der Frankfurter Staatsanwaltschaft gegen zunächst 22 ehemalige Angehörige der SS-Besatzung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Insgesamt kam es während der sechs Auschwitzprozesse zu über 50 Ermittlungsverfahren, im Zuge derer Bauer dafür sorgte, dass die Nazi-Helfer und Helfershelfer nacheinander vor Gericht gestellt wurden.

Bekanntlich war es auch Bauer, der dem israelischen Geheimdienst Mossad den Wohnort von Adolf Eichmann mitteilte. Da er der deutschen Justiz misstraute, hatte er sich direkt an Israel gewandt. Mit gutem Grund: Sein Antrag, Eichmanns Auslieferung nach Deutschland anzustrengen, wurde von der Bundesregierung umgehend abgelehnt.

Bis zum Schluss fühlte Bauer sich innerhalb der bundesdeutschen Justiz der Nachkriegszeit wegen seines Engagements umstritten, hatten doch die meisten Juristen zuvor der NS-Diktatur gedient. „In der Justiz lebe ich wie im Exil“, soll er gesagt haben. Und: „Wenn ich mein (Dienst)zimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland“ (Wikipedia).

Von den Anfängen der Auschwitz-Prozesse erzählt der Spielfilm Im Labyrinth des Schweigens (2014, Regie: Giulio Ricciarelli). Am eindrücklichsten ist er in jenen Szenen, in denen die zuvor in mühseliger Kleinarbeit zusammengesuchten Zeugen ihre furchtbaren Geschichten aus dem Vernichtungslager Auschwitz preisgeben. Auf Bilder des Schreckens wird dabei komplett verzichtet. Sie wären uns ja viel zu geläufig. Statt dessen spiegeln die Gräueltaten sich lediglich auf den ungläubigen Gesichtern der verhörenden Juristen wider.

Eben diese Zeugen sind es, die heuer, als Überlebende, zu den Gedenkfeiern geladen sind. Dass sie, meist hochbetagt, in Ehren empfangen werden, dass sie die Hauptpersonen einer solchen Veranstaltung sind, die das siebzigjährige Ende des Vernichtungsterrors feiert, nehmen wir als Selbstverständlichkeit an.

Und dann erfahren wir, dass bei eben jener Festivität die Polit-Prominenz hofiert und die überlebenden Opfer wie Beiwerk abgespeist wurden: Tatsächlich mussten die achtzig- und neunzigjährigen, zum Teil von weither angereisten Ex-KZ-Häftlinge für ihren Schlag Eintopf Schlange stehen, während unsere offiziellen Repräsentanten und Repräsentantinnen an festlich eingedeckten Tafeln speisten und sich von beflissenen Kellnern umsorgen ließen.

„Ein Lehrstück in Polit-Verdrossenheit“, nennt es Carolyn Moyé von Stern online.
Die freiwilligen Helfer jedenfalls empfanden die Situation als würdelos. Hannah Rainer und Jakob Wischniowski schämten sich, als sie eine Gruppe polnischer Überlebender zum Mittagessen ins „Zelt der Begegnung“ begleiteten und feststellen mussten, dass diese neben Plastiknäpfen und Wegwerfbesteck auch noch Essmarken in die Hand gedrückt bekamen, um, so ausgerüstet, in langen Reihen anzustehen.

Sieht so eine Entschuldigung der Täterstaates bei den Opfern aus? Warum hat Daniela Schadt, Lebensgefährtin von Joachim Gauck und einer der Ehrengäste (was hatte sie eigentlich dort zu suchen?) nicht ihre Stoffserviette von sich geworfen und ihren Platz mit einem der wahren Ehrengäste getauscht? Warum saßen die beiden Sorten von Ehrengästen nicht überhaupt an gemeinsamen Tafeln? Welcher der beiden Gruppen war das nicht zuzumuten?

Seit die Bilder von der Ravensbrück-Veranstaltung im Netz kursieren – hier die Bierbank mit Einwegbechern und Streuselkuchen auf Papierservietten, dort das Damasttuch mit blinkendem Glas und Porzellan, blütenbestickten Stoffservietten und bunter Blumendeko – wissen wir: Das Budget für die Bewirtung der Promis lag um ein Vielfaches höher als das für die geladenen KZ-Überlebenden. Darin ein Versehen der fürs Protokoll Verantwortlichen auszumachen, ist uns schier nicht möglich. Doch wie lautet die Absicht dahinter?

Bei unseren Nachbarn wird die hochnotpeinliche Symbolik der Bilder Befremden und Angst auslösen. Sie könnte als Folgenlosigkeit der Verbrechen des Dritten Reiches auf unser Verhalten gedeutet werden. Oder als krasser Fall von fehlendem Anstand. Oder schlichtweg als Ignoranz.

Zwar haben wir „keine kleinliche Wiedergutmachungsleistung an jenen Überrest europäischer Juden bezahlt, die wir verfolgten und noch nicht töten konnten. Aber die wirklichen Menschen, die wir da unserer Herrenrasse zu opfern bereit waren, sind immer noch nicht vor unserer sinnlichen Wahrnehmung aufgetaucht. Sie sind ein Teil der de-realisierten Wirklichkeit geblieben …“

So analysieren 1967 Alexander und Margarete Mitscherlich der Deutschen Unfähigkeit zu trauern. Fast 40 Jahre später scheint ihre Untersuchung auf viele Menschen – leider auch auf viele maßgebliche Menschen – immer noch zuzutreffen.

Woran liegt es, dass ausgerechnet die ehrenamtlichen StudentInnen Anstoß am Ablauf der Veranstaltung nahmen? Weil sie – noch – keiner professionellen Deformation unterliegen? Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU) scheint bei ihnen offene Türen eingerannt zu haben, wenn sie betonte, die Vergangenheit sei eine Mahnung für die heutige Generation: „Verantwortung heißt: Wir dürfen nicht schweigen.“

Sie selbst hat am Sonntag geschwiegen.

 
(Den Artikel habe ich heute auf der Community-Seite vom „Freitag“ veröffentlicht. Den Film „Im Labyrinth des Schweigens“ hatte ich im Herbst 2014 mit PM im Kino gesehen)

KZ Ravensbrück, Gedenkfeier, Überlebende, Bewirtung, Essen, Porzellan, PlastikEin ehemaliger Gefangener des KZ Ravensbrück trauert still in der Mahn- und Gedenkstätte© Patrick Pleul/DPA

 

Gedenkfeier zur Befreiung des KZ Ravensbrück. Auch 90 Überlebende waren geladen. Doch auf die meist hochbetagten Ehrengäste wurde wenig Rücksicht genommen. Aus dem Akt der Erinnerung und der Begegnung wurde eine Farce. 

 

Gedenkfeier zur KZ-Befreiung: Helfer kritisieren VeranstalterFotos

 

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