Angela Merkel, Barbara Talheim und ich

Samstag, Bad N.: Nach ein paar kalten Tagen – in jeder Hinsicht – scheint heute am frühen Morgen die Sonne, die Luft ist warm wie ein Wannenbad, durch die offene Küchentür riecht es nach gemähtem Rasen, oben schlafen H. und K., PM’s Freunde aus Berliner Zeiten, PM ist schon in der Klinik „für’n Stündchen“, aus denen erfahrungsgemäß eher drei Stündchen werden, wir hatten das, was man einen schönen Abend nennt, alle haben gut zugelangt und meine Spargelcremesuppe kam gut an und dazu gab es lauter feine Sachen aus dem Feinkostladen und K. hat erzählt, dass Angela Merkel kürzlich im KaDeWe Bettwäsche gekauft hat und sie hat sie bedient! Blauweiße Bettwäsche mit geometrischen Mustern (klar, Physikerin, nix mit Blumen und Romantik), aber PM meinte, er hätte sie nicht bedient. Er hätte ihr gesagt, pass mal auf, Mädel, ich bediene dich nicht, weil wo warst du denn damals?, jedenfalls nicht im Neuen Forum und auch sonst nirgends, dafür aber in Moskau studiert, das weiß doch jeder, wer da studiert hat, und eine Stelle an der Akademie der Wissenschaften der DDR, das weiß doch jeder, wer da gearbeitet hat, eine rote Socke war die, aber dann einen auf Widerstand gemacht, anstatt zu sagen, jawoll, ich hab mitgemacht, ich hab mich angepasst, um es besser zu haben, wir drei hier – er zeigt auf sich und H. und K. -, wir wissen Bescheid, uns kann man nichts erzählen, für mich ist die einfach nur blitzeblöd, das hätte ich ihr gesagt!

Er lehnt sich zurück, der Rauch steigt noch auf, sozusagen, und da ist er wieder, der UNTERSCHIED, Ost und West, da hab ich immer ein bisschen Angst, ich, die Westtussi, die keinen Durchblick hat, das habe ich mal hautnah so erlebt, als Barbara Talheim seinerzeit in Tübingen aufgetreten ist, in der Marquardtei, und ich natürlich hin als ganz großer DDR-Fan, hab mir das Konzert angehört und anschließend bei der Fragerunde meinen Mut zusammengenommen und eine FRAGE gestellt und auf die Antwort von einer original DDR-Frau gewartet (die DDR-Frauen als revolutionäre Spitze, die den Haupt- und Nebenwiderspruch sozusagen auf einen Schlag gelöst zu haben schienen und aufgrund dessen unsere Vorbilder waren, und wir Theologinnen waren die ersten überhaupt, die an ihrer Fachschaft eine Frauengruppe hatten, und die Gründung der Frauengruppe war so was wie meine politische Initiation!) und was macht die Talheim?

Hört sich meine Frage an, guckt genervt, dreht sich zu ihrem Gitarrist um und sagt ins Mikro: „Hat kein Zweck. Die vastehn hier nichts.“

Das war mein erster Ost-West-Schock. Die Platte von der Thalheim hab ich dann trotzdem noch gekauft, ihr das Geld in die Hand gedrückt, lustlos, um sie niemals anzuhören. So liegt sie heute noch in meinem Plattenregal und verströmt den Geschmack von Frust und falscher Illusion.

PM ist ein Mann aus dem Osten. Und damit sozusagen per se schon eine Herausforderung.