Die Mitscherlichs zu Kultur und Gewalt – verblüffend aktuell

IMMER NOCH HOCHAKTUELL:

„Kriege und Bürgerkriege flammen über die Erde verstreut auf und schwelen fort, Millionen Menschen leben in Hunger und ohne Recht, in Folterkammern werden aus einer nie versagenden Phantasie neue Techniken des Quälens und Erniedrigens bereitgehalten. Das alles sind Demonstrationen von Herrschaftsformen, die menschliche Kultur repräsentieren, und zugleich ihre Folgen. … Das Bestürzende: … Im Bewusstsein der Zerstörer wird für eine gute Sache vernichtet: für den besseren Glauben, für die rassisch überlegene, von Gott auserwählte Nation etc. Die Amphiktyonien, jene kultisch-politischen Verbände, die im frühen Griechenland sich eidlich verpflichteten, das Heiligtum zu schützen und ritterlich zu kämpfen, symbolisierten einen BIS HEUTE UNVOLLENDET GEBLIEBENEN VERSUCH, DIE KULTURFÄHIGEN SEITEN DES MENSCHEN GEGEN SEINE KUTURHEUCHLERISCHEN UND ZERSTÖRERISCHEN IN EINE VORMACHTSTELLUNG SICHERER ART ZU BRINGEN. GEGENWÄRTIG BEFINDEN WIR UNS WIEDER IM KRAFTFELD EINER STREITLAGE, IN DER ALLE SEITEN FÜR SICH DAS HÖCHSTE MASS VON KULTUREIGNUNG BEANSPRUCHEN. Jede Partei sucht unsere Affekte für sich zu gewinnen; wir sollen uns leidenschaftlich beteiligen. Die kühle Überlegung wird uns bitter schwer gemacht. VERLÄSSLICHE INFORMATION, DIE VORAUSSETZUNG JEDES BEGRÜNDETEN URTEILS, IST NUR UNTER GROSSEN MÜHEN ERREICHBAR. VORURTEILE UNTERWANDERN UNS VIELLEICHT IN EINER GEFÄHRLICHEREN WEISE, ALS ES SPIONE DES FEINDES KÖNNEN.“ (Mitscherlich: „Die Unfähigkeit zu trauern“, S. 86f)