Negev, En Gedi, Totes Meer

Das Mietauto haben wir ja noch bis Mittwoch Abend. Nach dem Tag gestern in Jerusalem können wir uns nicht vorstellen, gleich nochmal hinzufahren, schon gar nicht mit dem Auto (obwohl wir noch einiges nicht gesehen haben).

Und so fahren wir ans Tote Meer. Nach En Gedi möchte ich, wo Saul David verfolgte und David sich in einer Höhle versteckt hielt. Ich stelle mir eine sehr kleine, alte und verfallene, irgendwie staubige Stadt zwischen Wüste und Salzmeer vor. Das Bild vor meinem inneren Auge ist recht konkret. Doch En Gedi ist praktisch nichts! Wir kommen an eine Raststation, wo Jugendliche sich wohl für ihren Aufenthalt im Kibbuz En Gedi bereitmachen. Ein paar Meter weiter die Mineralwasserfabrik, die laut Reiseführer ganz Israel beliefert. Ein Hinweisschild auf den Naturpark. Eine magere Ziege. Und das wars.

Wir sind einigermaßen sprachlos. Auch über den Ritt durch die Wüsenlandschaft. Irgendwann haben sogar die kargen, graugrünen Büschel aufgehört. Jetzt sind da nur noch diese rötlichen Hügel des Negev ohne die kleinste Spur von Vegetation bis an den Horizont. Dazwischen, in Felsen gemeisselt, die Straße. Und die flimmernde Hitze.

Überhaupt: Der Straßenbau in Israel. Hier gibt es keine Mittagsruhe, wie man das etwa von Südfrankreich kennt, wo sie um zwölf die Fensterläden zuklappen und die Geschäfte schließen und die Leute bis vier Uhr Fiesta halten. Hier wird rund um die Uhr gearbeitet, und die an der Strasse erwischt es bei Temperaturen um 40 Grad wohl am härtesten.

Jetzt sind wir praktisch hier!, sagt PM irgendwann. (Den Satz notiere ich mir umgehend. Er ist ja – praktisch – schon eine ganze Geschichte.)

Ja, sage ich. Aber wir haben ja noch nicht gebadet. Aus dem Dunst ist nämlich plötzlich das Meer aufgetaucht, oder besser der See, auf dessen anderer Seite man den Libanon erahnen kann.

Hm, und wo geht das, baden? Überall Verbotsschilder, man kommt auch gar nicht erst an das Ufer heran. Wir fragen einen Mann am Straßenrand. Mit einer Handbewegung bedeutet er soviel wie Nix Baden und verfügt das Weiterfahren in Richtung Süden. Nach einigen Kilometern entdeckt PM ein Gebäude mit Parkplatz, das steuern wir an und tatsächlich – es ist eine Badestation. Wir zahlen, ziehen uns um und sind von Russen umringt, die sich hier bestens auszukennen scheinen. Da der See durch Austrocknen inzwischen so weit von seinem ursprünglichen Ufer und damit vom Gebäude entfernt liegt, fährt ein Traktor mit überdachtem Anhänger  hin und her und nimmt die Leute mit.

Wir befinden uns jetzt 400 Meter unter dem Meeresspiegel. Die Hitze ist unbeschreiblich. Auch das Wasser, als wir endlich mit den Füssen darin stehen, ist glühend heiß und kühlt erst nach einigen Metern auf Badewannentemperatur ab. Es ist nicht gerade voll. Manche machen das berühmte Auf-dem-Rücken-Zeitunglesen-Foto, andere machen Selfies, denn das Handy kannst du ja bequem ins Wasser mitnehmen. Du legst dich auf den Rücken und schwimmst. Ohne irgendwas zu tun. Nur Brustschwimmen geht nicht, der Hintern ragt aus dem Wasser und die Beine kriegst du gar nicht runter.

Der salzverkrustete Boden ist so heiß, dass du meinst auf Glut zu laufen. Wir lassen uns zurückfahren, ziehen uns wieder an und fahren los. Um 18 Uhr schließt die Autovermietung, bis dahin müssen wir wieder in Tel Aviv sein. Doch aus irgendeinem Grund hat das Navi keinen Netzanschluss mehr. Bis Jerusalem geht’s auch so, meint PM. Hinter Jerusalem werde ich dann nervös, da lässt sich nichts machen. Kein Funk. Auch PM kriegt es nicht hin, ohje, wir denken beide an das Strassengewirr von Tel Aviv und schweigen lieber.

Als wir nach zwei Stunden Fahrt die Stadt und damit das übliche Verkehrschaos erreichen, beschließen wir einfach auf Sicht zu fahren. Die hohen Hoteltürme sind schon zu erkennen, den Rest erleichtert uns der Stadtplan, den wir im Hotel bekommen haben und der sich zufällig noch in meiner Handtasche findet. Um viertel vor sechs rollen wir in die Einfahrt der Autovermietung.

Unsere Klamotten sind durchgeschwitzt, nicht nur von der Hitze. Aber: Keine Beule, kein Kratzer. Wir haben viel erlebt. Und wir sind ein gutes Finderteam, soviel steht fest.