Begegnung Tübinger Hbf

… mein Kopf noch dumpf von der aktuellen Fahrt und überhaupt vom vielen Hinundherfahren der letzten Wochen und ich rolle meinem Koffer Richtung Bahnsteigaufzug und will jetzt nur noch nach Hause und auf der Oberfläche überschlage ich, ob ich zu Fuß gehe oder mir ein Taxi leiste, da ruft jemand hinter mir: Juliane, was machst du denn hier?

Ich identifiziere die Stimme nicht sofort, mein Gehirn signalisiert aber im gleichen Moment: Daumen runter!

Ich drehe mich um, und da steht CK, pensionierte Ex-Kollegin, mit ihrem Tourenrad.

(Immer großen Bogen um sie gemacht wg. extrem ausgeprägtem Hang zum Klatsch, von dem sie bemerkenswerterweise auch ihr nahestehende Personen nicht ausnimmt.)

Nichts sagen, sage ich mir, und sage: Oh. Hallo. Komme gerade zurück … (Israelreise? Tochter besucht? Mutter gepflegt? Mit PM die Tage geteilt?)

Sie grinst mich lange und intensiv an. Was hat sie bloß?

Letzte Woche hatte ich mit deinem Ex zu tun!, platzt sie raus. Auf der Party von …

Welcher Ex?, denke ich tatsächlich und dann: zu tun?, und sage: Ach? Aha …

Ja. Klar! Die Neue war natürlich auch dabei.

Sie muss mich irgendwie falsch verstanden haben. Sie zeigt gefühlte 150 Zähne, doch langsam weicht ihr Gegrinse einem Anflug von Besorgnis. Sie schließt die Augen. Sie hatte schon immer diese Tendenz zur Theatralik. Oder ich reagiere nicht ganz so, wie sie erwartet hat und sie braucht jetzt einen Moment, wie es weitergehen soll.

Warum erzählst du mir das?, frage ich nicht. Ist ja offensichtlich. Sie hatte einen ereignislosen, tristen Tag, und die Tour hat es wohl auch nicht mehr rausgerissen, und da fällt ihr diese Riesenchance in den Schoß, jemandem so richtig schön auf die Nerven zu gehen.

Tut sie auch. Aber anders, als sie denkt.

Wir fahren zusammen runter, das lässt sich nun nicht verhindern, steigen zusammen in der Unterführung aus und ich habe die ganze Zeit keine Fragen. Das übersteigt ihr Vorstellungsvermögen.

Wann besuchst du mich mal, sagt sie, als ich zum Hinterausgang strebe, denn ich will jetzt zu Fuß gehen, während sie vorne raus muss: Lass uns doch mal wieder einen Kaffee zusammen trinken.

Ja. Klar!, sage ich.