Jetzt doch nicht so systemkritisch – von Rönne lässt sich über Ai Weiwei aus

Ronja von Rönne hat mal wieder was geschrieben. Über den chinesischen  Künstler Ai Weiwei.

Warum? Hat sie neuerdings Ahnung von Kunst? Wenn Springers WELT nicht wäre, würde die Welt keine Kenntnis von ihr nehmen. So aber kann sie ungehindert hinaustönen, in immer derselben Attitüde der Unbedarftheit und unter Zuhilfenahme immer derselben stilistischen Pose: Die der nicht erwachsen werden Wollenden und semantisch von der Sendung mit der Maus Geprägten.

Dissidenten sind selten, stellt sie fest, „und in Europa besonders selten. Aber Systemkritik ist gut und chinesische Systemkritik besonders gut, das weiß man. Das steht ja in der Zeitung, das steht im Display des in China produzierten iPhones. Das sagt sogar Angela Merkel nach dem Unterzeichnen von Wirtschaftsabkommen mit China. Das wissen alle, nur anscheinend noch nicht alle Chinesen, aber das sind ja auch sehr viele.“

Und so weiter und so weiter.

Oder: So weit, so belanglos. Von Rönne findet Weiwei’s Installationen auch zu groß, das bemängelt sie mehrfach. Doch sie hat sich noch viel tiefer gehende Gedanken gemacht:

„Ai Weiwei ist ein knuffiges Idol, eine politische Version des Eisbären Knut, wegen dem die Völker der Welt zum letzten Mal auf diese Stadt schauten. Wer ihn sieht, der will ihn berühren, und wer ihn berührt, auf den geht ein kleiner Teil seiner Dissidenz über, ein Teil des Mutes und der Einsamkeit, die ihm die dreimonatige Haft und das (sic!) vierjährige Hausarrest in Peking abverlangten…“

Ist R.v.R. eigentlich noch ganz dicht? Ihre naiv eingestreute Selbstoffenbarung, sich gerne mal eine Tavor reinzuschieben – oder reinschieben zu lassen -, lässt berechtigte Zweifel an ihrem Seelenzustand zu.

Offenbar hat sie nicht den geringsten Schimmer, wie es ist, als politisch verfolgter Kunstschaffender zu leben. Sie selbst zeigt jedenfalls niemals Rückgrat, wie Ai Weiwei es tat und tut. Sie kritisiert niemals die wirklich brisanten Zustände. Sie spielt, wirft sich gerne ins Schussfeld – solange niemand schießt und solange es um nichts geht.

Und bei Rönne geht es um nichts. Ihr ärgerliches Feminismuspamphlet hatte ich eigentlich schon wieder vergessen. Doch jetzt dämmert mir, dass wir sie nicht vergessen dürfen. Sie hat tatsächlich ein Forum, sie hat Leser und Leserinnen, die sich ihren geistigen Dünnschiss reinziehen und ihn lustig (oder was?`) finden.

Ich halte das nicht nur für ärgerlich, sondern auch für gefährlich. Journalismus sollte meiner Meinung nach mehr sein als Attitüde. Als Provokation um der Provokation Willen. Und Journalisten sollten, verdammt noch mal, wissen, worüber sie schreiben. Sie sollten sich auskennen, Recherche betreiben, in aller Demut erstmal sich schlau machen und dann erst die Klappe aufreißen.

Es scheint en vogue zu sein, als JournalistIn anerkannte und respektable Personen zu diffamieren und zu diskreditieren. Da ist so ein Gefühl, oder besser: so ein gefühlter Impuls – à la was macht diese Person, bzw. dieses Objekt mit mir? – und dem wird Raum gegeben. Mit kindlich naivem Blick, der keinerlei kritischer Reflexion unterzogen wird, wird die Person / das Objekt der gefühlsgeleiteten Innenschau ausgeliefert. Damit ist der geistlose Tratsch der Netzkommunities in der Journaille angekommen. Was danach mit dem Objekt der Recherche (welche Recherche?)  passiert, ist scheißegal. Hauptsache, Artikel verkauft. Im Vordergrund steht schließlich nicht der Inhalt, sondern die Journalistin.

Der Inhalt, soviel wird bei von Rönne immer deutlich, ist irrelevant. Was zählt, ist das Wortgeraspel, die freche Schreibe. Bloß, Frechheit gepaart mit Kritikunfähigkeit, auch mangelnder Selbstkritik, ist peinlich. Für den Leser, also für mich, eine peinliche – im Sinne von peinvolle – Zumutung.

Etwa, wenn von Rönne findet, dass Weiwei nicht mehr politisch genug ist: „Er ist jetzt doch nicht so systemkritisch. Irgendwas ist schiefgegangen in den letzten Tagen. Er benimmt sich auch sonst nicht so wie ein Chinese mit mitteleuropäischen Werten, es ist alles sehr enttäuschend.  Er verteidigt willkürliche Inhaftierungen, äußert Verständnis für den chinesischen Staat, zeigt sich gemäßigt und altersmilde und entspricht auch ansonsten nicht der Schablone, die man sich in den Jahren seines Ausreiseverbots gebastelt hat. Der dort spricht, ist nicht der, den man bestellt hatte.“

Ah ja! Bestellt hatte. Schablone. Der Hauch von Ironie ist es, der hier schiefgeht. Die Unverfrorenheit, auf die Einhaltung der von Rönne erwarteten Schablonen zu pochen, ist genauso schamlos, wie – das nur nebenbei – Rönnes Facebook-Post: „Und danke an Stefanie Sprengnagel, die mich nicht mag und die ich verehre und der ich deshalb schamlos ihre Ideen klaue.“

Und wieder eines ihrer selbst errichteten, ach so putzigen Schussfelder.

Das ist bei Ai Weiwei ziemlich anders. Seine Realität ist eine andere. So hat Weiwei’s Galerist bereits an die Medien appelliert, ihn als Künstler und nicht (nur) als politischen Aktivisten und Dissidenten wahrzunehmen. Denn es bestehe durchaus die Gefahr, dass die chinesische Regierung ihn nicht mehr einreisen lässt.

Ist Rönne in der Lage, diese Brisanz zu checken? Offenbar nicht. Sie findet den Aufruf des Galeristen zu verzweifelt; er klinge „in seiner Verzweiflung seltsam nach Propagandaministerium“.

Und damit ist Weiwei für sie erledigt. Sein „Geschäftsmodell“, eben die zu großen Installationen an die Museen der westlichen Welt zu verkaufen, sei ja nur deshalb so „irrsinnig erfolgreich“ gewesen, weil sie dort „als politische Schmuggelware erschienen – eine moralische Außenhandelsbilanz“(!). Nun stehe Weiwei’s „Glaubwürdigkeit als staatlich geprüfter Dissident“ auf dem Spiel.

Und so endet von Rönnes Pamphlet (ihre Schriften sind meistens Pamphlete) in der Behauptung: „Er ist hier, weit von China, nicht wirklich Künstler und nicht wirklich Dissident.“

Von Rönne hat gesprochen.