Tender Bar

Jeder hat einen heiligen Ort, eine Zufluchtsstätte, wo sein Herz reiner und der Verstand klarer ist, wo er sich Gott, der Liebe, der Wahrheit oder dem, was er anbetet, näher fühlt. Mein heiliger Ort war Steves Bar – mit allen Vor- und Nachteilen. Und weil ich sie in meiner Jugend entdeckte, war sie mir umso heiliger und ihr Bild von jener besonderen Ehrfurcht getrübt, die Kinder Orten zugestehen, an denen sie sich geborgen fühlen. Andere hegen solche Gefühle vielleicht für ein Klassenzimmer oder einen Spielplatz, für ein Theater oder eine Kirche, für ein Labor, eine Bibliothek oder ein Stadion. Vielleicht sogar für ein Zuhause. Für mich jedoch hatte keiner dieser Orte eine Bedeutung. Wir erhöhen das, was wir haben. Wäre ich an einem Fluss oder am Meer groß geworden, an einer natürlichen Straße der Selbstentdeckung und Flucht, hätte ich vielleicht sie mythologisiert. Aber ich wuchs 142 Schritte entfernt von einer einzigartigen alten amerikanischen Taverne auf, und das gab den Ausschlag.
Natürlich verbrachte ich nicht jede Minute in der Bar. Ich zog in die Welt, arbeitete und versagte, verliebte mich, spielte den Idioten, ließ mir das Herz brechen und meine Grenzen testen …

Ein wunderbares Buch: J. Moehringer:“Tender Bar“