So weit, so mainstream

Warum war die Sendung mit Anne Will und der Bundeskanzlerin über die Flüchtlinge in Europa (Die Kanzlerin in der Flüchtlingskrise, 07. Oktober 2015) so langweilig?

Weil es kein wirklich aussagekräftiges Statement vonseiten der Kanzlerin gab.

Interessant wäre gewesen, über die Ursachen der Flucht zu erfahren. Warum auf syrischem Boden hemmungslos die Großmächte agieren, welche Rolle der Westen spielt und welche die arabischen Nachbarstaaten – dazu Merkels Meinung zu hören, hätte mich interessiert.

Mit keinem Satz hat die Bundeskanzlerin jedoch darauf hingewiesen, dass die vom Westen angezettelten Kriege von Libyen über Syrien und Irak bis Afghanistan einer der wesentlichen Gründe dafür sind, dass Menschen fliehen. Und Anne Will hat keine Sekunde darauf verwendet, bei der Bundeskanzlerin nachzufragen.

Albrecht Müller von den NachDenkSeiten nennt das die totale Manipulation. Die westliche Propaganda entlarvt er als so professionell, dass Tatsachen keine Rolle mehr zu spielen scheinen.

Putin, zum Beispiel. In seinem Fall befinden sich unsere Medien ausnahmslos im Feindmodus. Auf der jüngsten Spiegel-Titelseite (10.10.2015) sitzt der martialisch dreinblickende Putin in einem Kampfjet und rast auf den erschrockenen Spiegelleser zu wie der Protagonist eines Computergame’s. Seit den russischen Kampfhandlungen gegen den IS in Syrien stilisieren deutsche „Leitmedien“ den Kremlchef  gar als verantwortlich für die gesamte Syrienkrise (so in den Tagesthemen).  Putin wird dämonisiert; er ist der Gewaltherrscher, bei dem mit allem gerechnet werden muss (FAZ, Tagesspiegel, Spiegel), er ist das personifizierte BÖSE.

So weit, so mainstream.

Dagegen zitiert und kennzeichnet Müller Putins Rede vor der UNO-Generalversammlung vom 28. September 2015 als ausgewogen, wohlwollend, vor allem aber als besorgt um die internationale Zusammenarbeit:

Putin weist auf das Elend hin, das in den meisten Fällen das Werk der Destabilisierungspolitik des Westens sei, und fragt jene, die diese Situation geschaffen haben: „Versteht ihr wenigstens jetzt, was ihr angerichtet habt?“ Er macht deutlich, dass der IS nicht aus dem Nichts entstanden sei, ja, dass die Golfstaaten einschließlich Saudi-Arabien die islamistische Terrortruppe anfangs als Instrument gegen unbequeme weltliche Regime selber hochgezogen haben. Zu den Flüchtlingen und der Situation im Nahen Osten mahnt er Mitgefühl und Unterstützung an, gleichermaßen aber auch den Weg des Wiederaufbaus der Staatlichkeit dort, wo diese zerstört worden ist. Und er stellt die interessante Frage nach der NATO: Warum sie nach dem Zerfall des Warschauer Paktes überhaupt weiterbesteht und ihre Grenzen sogar immer noch weiter ausdehnt (Osterweiterung).

Putin verweist darauf, dass die postsowjetischen Länder vor die irrige Wahl gestellt worden seien, zum Westen oder zum Osten zu gehören.

Ja, stimmt. Warum gibt es eigentlich immer noch Ost und West? Wenn es nur noch Eine Welt und eine internationale Zusammenarbeit gäbe, dann gäbe es zwar keine James-Bond-Filme mehr, aber wir bräuchten dann auch keine NATO mehr. Wozu dient die noch, außer zur Errichtung eines antiquierten Feindbildes?

Von Putins Rede hat man in den deutschen Medien nichts gehört oder gelesen. Sie wurde unterschlagen. Sie ist nicht vereinbar mit dem Dämon Putin.

Belästigen Sie mich nicht mit Fakten!, scheint eine favorisierte, journalistische Haltung. Warum lassen wir uns von den Medien und ihrer selektiven, einseitigen Information dermaßen manipulieren?