Unbeflecktes Töten

Drohnen töten, ohne dass sich jemand die Finger dabei schmutzig macht. Man sieht auch kein Blut. Unbeflecktes Töten, sozusagen.

Dafür reicht eine Telefonnummer aus.

Wie das funktioniert und dass es – mit deutscher Unterstützung – ganz einfach geht, berichtete der ehemalige US-Drohnenoperator Brandon Bryant am 15. Oktober 2015 vor dem deutschen Bundestag. Genauer: Vor dem NSA-Untersuchungsausschuss, der ihn als Kronzeugen anhörte.

Dass mittels der Telefonnummer ein feindliches Handy so exakt geortet werden kann, dass die Drohne das Haus bzw. die entsprechende Location auch punktgenau trifft (Kollateralschäden inbegriffen), dafür sorgt die geheimdienstliche Metadatenspeicherung.

Solange Bryant bei der amerikanischen Luftwaffe diente, war er derjenige, der den Abzug betätigte und es einrichtete, dass die Raketen/Lenkflugkörper ihre Ziele trafen. Bryant war ein Menschenjäger. Er tötete Menschen, die auf Grund geheimdienstlich gesammelter Daten ausgewählt, bzw. zum Abschuss freigegeben wurden.

Fünf Jahre lang hat er das gemacht, im Irak, in Afghanistan, Pakistan, Somalia und im Jemen. Bei den Einsätzen bediente er die Kameras einer Predator-Drohne und lenkte den Laser, der die Hellfire-Raketen an ihre Ziele steuerte (s. Zeit-online, Kai Biermann, 15.10.15)

Bryant bestätigte, um eine Rakete auf ein Haus abzuschießen, sei es für die USA eine ausreichende Rechtfertigung, wenn sich ein gesuchtes Mobiltelefon in dem Haus befinde. Diese spezielle Arbeit erledigt Gilgamesh, eine Art Mobilfunkmast an Bord der Drohnen, mit dem sich Telefone am Boden lokalisieren lassen.

Deutschland spielt dabei eine wichtige Rolle. Was deutsche Geheimdienste sammeln, schicken sie in die USA. Das verschickte Material sind die Daten, die wir bei unserer digitalen Kommunikation hinterlassen. Ich und du, heute, morgen, übermorgen. Eine Mobilnummer genüge, um einen Menschen zu töten, bringt es Bryant auf den Punkt. Die Telefonnummern liefert Deutschland, bzw. der BND.

Die bundesdeutschen Abgeordneten sind entsetzt. Das haben sie nicht gewusst, so wie sie auch nicht wissen, wer oder welches System bei uns nun genau sammelt und wer Kenntnis davon hat.

Nochmal: Die Bundesregierung bestreitet schlichtweg, dass es möglich ist, mit den Daten, die der BND und der Verfassungsschutz in die USA liefern, Menschen zu lokalisieren und Drohnenraketen ins Ziel zu lenken.

Mit Bryants knappen Aussagen können sie jedoch nicht länger umhin, den Fakten ins Auge zu sehen.

Bryant hat die Seiten gewechselt und das Drohnenprogramm der US Air Force verlassen, weil er nicht mehr töten will. Er bekämpft diese Form des Krieges, für das Deutschland als engster Alliierter der USA wichtige Voraussetzungen schafft. Er will vor falschen Entscheidungen warnen.

Deutschland hilft aber nicht nur mit fürs Töten relevanten Daten aus. Deutschland hat auch Ramstein, und Ramstein ist die Schnittstelle zur Planung und Steuerung der völkerrechtlich umstrittenen Kampfdrohneneinsätze der USA in Afrika und im Nahen Osten. Ohne Ramstein gäbe es dort keine amerikanischen Drohnenaktivitäten.

Bei Bryants Einsätzen wurden 1626 Menschen getötet. Eine Zahl, die man beinahe überliest, sie ist ähnlich abstrakt wie die Zahlen der KZ-Toten von vor siebzig Jahren. Wie wird ein 29-Jähriger damit fertig? Indem er aussteigt? Indem er herumreist, anklagt und warnt? Der arme, arme Kerl.