Mein japanischer Freund

Wer ist dieser Japaner, der in schöner Regelmäßigkeit meine FB-Postings likt?

Diagonal durch sein Profilbild fliegt ein Delfin vor gelborangenem Sonnenuntergang. Sein Titelbild zeigt eine neongrün beleuchtete Sporthalle, in der kleine schwarze Gestalten Volleyball spielen. Auf bzw. unter den Bildern reizen ausschließlich japanische Schriftzeichen meine Neugier. Seine Seite ist bonbonbunt und seine 40 Freunde, die fast alle Freundinnen sind, zeigen sich mit lustigen Figuren im Arm oder auf dem Kopf vor pinkem, gelbem und grünem Hintergrund.

Auf den Fotos ist ein schlanker Mann mittleren Alters mit allerlei wilden Tieren – Bär, Tiger, Nilpferd – zu sehen. Angst scheint er keine zu kennen, wie seine Aktionen beweisen. Zwei Fotos zeigen eine Großfamilie, die um einen schwer gedeckten, fußhohen Tisch versammelt ist. Der schlanke Mann ist auch wieder dabei und macht das Peacezeichen.

Andere Fotos dokumentieren eine wilde Küstenlandschaft, eine schöne Reiterin – überhaupt viele Fotos von Reitturnieren und Pferdeauktionen -, ein Fitness-Studio von innen und eine geordnete Ansammlung von goldenen Bierdosen. Die goldene Bierdose leuchtet wie ein Symbol auf mehreren Fotos meines virtuellen Freundes aus dem Land der aufgehenden Sonne. Auch Flaschenbier – Sapporo Classic – ist ein Motiv, dem er offenbar einiges abgewinnen kann. Genauso gerne fotografiert er Hauseingänge von Geschäften oder Restaurants?, man weiß es nicht, man wird es nie erfahren.

Die Bilder machen einen auffällig aufgeräumten Eindruck. Auf keinen Fall handelt es sich um Schnappschüsse. Darin besteht ihre spezielle Ästhetik: Ordnung und die Leichtigkeit eines Lächelns. Weshalb ich, sobald in meinem Newsfeed mal wieder was von ihm auftaucht, per Mausklick mein Gefallen bekunde. Das ist schon eine Sache der Höflichkeit.

Die Musik, die er hört, sind ausnahmslos japanische Bands, bis auf Hawaii Relaxing Ocean Sounds (mit Delfin auf dem Cover). Auch seine favorite movies tragen japanische Titel. Auf einem ist Bruce Willis zu erkennen. Trickfilme sind seine Lieblingsfernsehsendungen, mit kindlichen Kopffüßlern als Protagonisten, die bei uns niemand kennt.

Rätselhaft wie die ganze Seite sind seine Gefällt-mir-Angaben. Bis auf zwei Fluglinien, mit denen er sympathisiert, KLM und Delta Air Lines, und einem Hotel erfährt man nicht, worum es genau geht.

Allein sein Wohnort ist in seiner Chronik lesbar: Saru-gun, Hokkaido, Japan.

Wenn ich das jetzt mal zusammenfasse, spielen Tiere, Sport und Essen & Trinken eine übergeordnete Rolle im Leben meines unbekannten Freundes. Er ist ein geselliger Typ, er mag Bier und Farben und er fotografiert gerne und ziemlich gut.

Ich weiß ja nicht, ob er sie lesen kann oder ob er meinen Beiträgen das Daumenhoch einfach mal überlässt und abwartet. Absichtslos, sozusagen. (Die Absichtslosigkeit als buddhistische Haltung?) Er scheint einen speziellen Humor zu besitzen. Die wilden Tiere, denen er auf den eingangs erwähnten Fotos zu Leibe rückt und sie einfängt oder umarmt oder erdolcht, existieren alle nur auf einer Fotowand.