Der fünfte tote Zeuge

Schon wieder ist ein potentieller Zeuge im NSU-Prozess überraschend gestorben: Sascha W.

Wer mag jetzt noch an Selbstmord oder gar eine natürliche Todesursache glauben

Ziemlich genau vor einem Jahr starb die sehr junge Zeugin Melisa Marijanovic an einer für ihr Alter ungewöhnlichen – um nicht zu sagen, unwahrscheinlichen – Todesursache, an Lungenembolie. Zwei Jahre zuvor, im September 2013, war ihr 21-jähriger Exfreund Florian Heilig gestorben – verbrannt in seinem Auto auf dem Cannstatter Wasen. Die ermittelnden Behörden schlossen schon wenige Stunden nach dem „Unfall“ auf Suizid (wie schon bei den beiden verbrannten NSU-Protagonisten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt).

Und nun also Sascha W., der Verlobte der toten Marijanovic. Auf Suizid deute laut Behördenaussage auch bei ihm alles hin. Hinweise auf einen natürlichen Tod fehlen nämlich.

2015, im Frühjahr, wurde noch ein weiterer Zeuge erwartet: Matthias K., genannt Matze, mit seinen Insiderinformationen. Damals hoffte der interessierte Beobachter, ich zum Beispiel, dass jeder zusätzliche Tote in der Causa Kiesewetter / NSU ein zu auffälliges Muster sei und dass sie diesen Matze – wer auch immer diese „sie“ sind – um Himmels Willen leben lassen (s. Blockbeitrag 31. März 2015). Allein aus taktischen Gründen.

Matthias K. lebt tatsächlich noch. Vielleicht nur deshalb, weil seine Aussagen nicht so viel gebracht haben. Während der Neonazi-Aussteiger Florian Heilig ganz klar angegeben hatte zu wissen, wer Michèle Kiesewetter umgebracht habe, verzichtete Sascha W. auf dieses tödliche Spezialwissen.

Der wievielte tote Zeuge seit dem Auffliegen des NSU ist Sascha W.?

2009 fand man die verbrannte Leiche des erst 18-jährigen Arthur C., sein Name tauchte in den Ermittlungsakten zum Kiesewetter-Mord auf. Der 2014 verstorbene Thomas R., auch bekannt als V-Mann „Corelli“, war fast 20 Jahre lang für den Verfassungsschutz aktiv. Er erlag einer angeblich unerkannten Diabetes. (Sein Name stand auf einer bei NSU-Mitglied Uwe Mundlos gefundenen Adressliste.) Und 2015, bzw. 2013, traf es Melisa Marijanowic und Florian Heilig. Fünf! Sascha W. ist der fünfte tote junge Mensch, der, weil er in die Fänge der rechtsradikalen Szene geriet, sterben musste.

Interessiert das eigentlich irgendjemanden? Ist da – neben der ganzen Flüchtlingsproblematik – noch Raum für eine öffentliche Debatte um Rechtsstaatlichkeit?

Im Fall Sascha W. ordnete die Staatsanwaltschaft Karlsruhe eine Obduktion an, weil keine natürliche Todesursache festgestellt werden konnte. Auch für ein Fremdverschulden gebe es „bislang keine Anhaltspunkte“, so Sprecher Tobias Wagner gegenüber heise.de.

Gruselig: Sascha W. wurde im gleichen Institut für Rechts- und Verkehrsmedizin in Heidelberg obduziert wie vor knapp einem Jahr schon seine Lebensgefährtin Melisa Marijanowic. Er war es, der sie damals abends zuhause in Krampfanfällen sterbend vorgefunden hatte. Am Dienstag (16. Februar) wurde Sascha W. in seinem Wohnort Kraichtal beerdigt.

Als schlagender Beweis für die Suizidtheorie bei Sascha W. dient der Staatsanwaltschaft eine elektronisch verschickte Abschiedsnachricht. Kann eine Szene, die zu fünf perfiden Morden fähig ist, keine E-Mails fälschen?

Ist das Innenministerium nicht in der Lage, aussagewillige Zeugen zu schützen? Inwieweit sind das LKA und das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg (LfV) involviert? Wie lange ist es den Behörden noch möglich, angesichts einer Kette von toten Zeugen nicht zuzugeben, dass diese reihenweise in den Tod getrieben werden?

Der Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss kam immerhin jetzt zu dem Ergebnis, dass „der Verdacht gezielter Sabotage“ im Zusammenhang mit dem NSU-Komplex naheliegend sei (s. taz.de 16.02.16). Damit wurde erstmals vonseiten des Staates formuliert, was unabhängige Beobachter schon lange sagen. Jetzt müssen die Institutionen endlich unter Beweis stellen, dass sie diejenigen schützen wollen, die zur Aufklärung beitragen könnten: Viele dürften nicht mehr übrig sein.

 

Zwei Polizisten, eine Frau und ein Mann im Overall stehen an einem ausgebrannten Autowrack. Im Vordergrund ist ein Absperrband, im Hintergrund ein Zaun.

Das Auto, in dem der Zeuge Florian H. 2013 ums Leben kam. Kleine Auswahl der Beweismittel, die die Polizei damals nicht gefunden hat: Schlüssel, Machete, Pistole, zwei Handys.  Foto: dpa