Schreibanlass Buchcover*

Dieses ist nicht mein Buchcover.

Obwohl mir der Plattenspieler bekannt vorkommt, weil ich auch so einen hatte, und eine Platte als solche auch für mich ein guter Gegenstand ist, hört es spätestens bei der Colaflasche auf. Lieblingsessen/-trinken? Eher der Marsriegel. Die Sandalen sind zu flach, als dass sie mir gefallen könnten. Pass oder Perso sind nichts, worauf ich stolz bin oder womit ich meine Identität verbinde. Das Buch im Hintergrund, von Bulgakow, Der Meister und Margarita, hab ich auch gelesen, das war mal Avantgarde und nicht viele haben bis zum Schluss durchgehalten. Die Fahnen, nun, die sind so krasser Oststyle, dem hab ich nichts entgegenzusetzen, keinen Gegenstand besitze ich, der meine Person unmittelbar mit meinem Staat oder meiner Nation verbindet wie so ein Winkelement zum Huldigen.

Ich huldige nichts und niemandem, eigentlich schade, dass wir auf nichts und niemanden so hundertpro abfahren, da steht uns das Ironische im Weg oder der Zynismus, der mich von solchen Anwandlungen sozusagen bewahrt. Absoluttollfinden geht gar nicht. Du bist kritisch, du bist Distanz, du bist die Differenziertheit in Person. Fahnen, der allgegenwärtige Personalausweis, die Colaflasche, die eine Club-Cola-Flasche ist, machen das Cover zu einem DDR-Cover, und DDR ist passé, ist höchstens eine Erinnerung. Club Cola hab ich in Polen getrunken, das ist lange her. Es schmeckte nicht, hatte nichts mit Cola zu tun, außer dass es braun war, ein braunes, übel schmeckendes Gebräu, von dem der progressive Tourist, der nicht nach Malle fuhr, sondern nach Polen, in den Ostblock, ahnte, dass es hier was von Bedeutung war, aber eben nur für die Polen, die sich dafür anstellten wie für etwas Seltenes.

Dann liegt da noch, ein wenig versteckt, ein Tagebuch. Tagebücher fängt man an und hält sie nicht durch, was mich betrifft, gab ich rechtzeitig auf und fing an Geschichten zu schreiben, weil die Fiktion mir näher ist als das Dokumentieren von Gewesenem, von gestrigen Fakten, von Autobiographischem, wo der Zwang zur Vollständigkeit dir die Luft zum Atmen nimmt. Was kann weg, was muss rein – keine gute Frage, eher eine Denkbelästigung. Tagebuch also streichen, niemals käme es auf mein Buch-Cover, aber was dann?

Was würde ich festhalten auf diesem Ich-Bild, auf dieser Minidokumentation über mich und meine kleine Welt? Papier, Stift, Buch, am besten die momentane Lektüre, dann entgeht man der leidigen Frage nach dem Lieblingsbuch, das es sowieso nicht gibt, nicht geben kann, es sei denn, du bleibst stehen, ein paar Fotos, nicht viele, ein Schmuckstück (welches?), Lippenstift, ein Paar coole Stiefeletten, ein Schlüsselbund oder zwei, von zu Hause und vom Arbeitsort, eine Platte von The Savants, die alte silberne Zuckerdose, mein Lieblingserbstück, das ist einfach, eine Nachricht von L., die liegt seit Jahren auf meinem Schreibtisch, ein Stein oder eine Muschel, nein, ein Stein, der vom väterlichen Schreibtisch, den ich geschenkt habe, beim Juwelier gekauft und zu teuer fürs Studentenbuget, faustgroßer Rutilquarz, eine Seltenheit, er hat einmal Freude gemacht. Eine alte Bibel, vielleicht, auch ein Erbstück mit verwischten Bleistiftnotizen einer Vorfahrin, ein Kerzenständer, davon habe ich mehr als genug, ich sammle die, ein schönes, buntes Kissen, das auf jeden Fall, und ein Pullover von meinem Liebsten mit seinem Geruch, das wärs dann. Das wär mein Cover.

*Am kürzeren Ende der Sonnenallee, Thomas Brussig