Liebesbus

Nach über einem Jahr mal wieder mit meiner alten Mitfahrgelegenheit Flo gefahren. Sein Bus ist voll. Sieben sich bis dato fremde Personen kommen miteinander ins Gespräch, jedesmal wieder eine Show. Freundlicherweise werde ich, direkt von der Arbeit angeflitzt, um 13 Uhr direkt von meiner Haustür abgeholt; ein Privileg aus dem Umstand resultierend, dass Flo und ich uns schon gut kennen und weil er mir mal abends mein im Bus liegengebliebenes iPhone von Stetten am kalten Markt nach Tübingen gebracht hat – gegen ein Abendessen – oder einfach, weil wir uns mögen (Beitrag 13.01.2015).
 
Die ganze Truppe steht vor meinem Haus, als ich mit meinem Köfferchen runterkomme, raucht oder guckt in der Gegend rum. Zum ersten Mal sitze ich hinten, weil als Vorletzte zugestiegen. Flo schichtet das Gepäck um, alle nehmen ihre Plätze ein, zuletzt ein stark übergewichtiger Typ, eine Generation jünger als ich, gefühlte zwei Meter Kopfhöhe. Viel Mensch. Viel Stimme. Im Einsteigen – unter erheblichem Geschnaufe – bittet er mich ohne Umschweife, in die Mitte der Hinterbank zu rutschen, was ich gerade noch rechtzeitig zurückweisen kann mit dem Argument, dringend schlafen zu müssen, was ja in der Mitte schlechterdings unmöglich sei (es sei denn, du sinkst wechselweise deinem rechten oder linken Nachbarn an die Schulter).
 
Da thront er dann also, hinten Mitte, und lässt einen Small Talk über sich ergehen zwischen mir und Linksaußen, übrigens ein freundlicher und sachkundiger Biologe, der von seiner Promotionsarbeit über humane Papillomviren erzählt, während Mister Big gleich mal ein big Subway-Lunchpaket auswickelt und anfängt zu futtern und mit dem Bier nachzuspülen, das Flo für seine Fahrgäste im Fußraum bereithält, ehe er zu Kinderschokolade und Gummibärchen übergeht.
 
In Stuttgart steigt einer aus und wenig später ein Neuer dazu. „Jetzt wäre die Gelegenheit, den Platz zu wechseln“, sagt der Biologe und zwinkert mir über den zwischen uns zu. Der fühlt sich irgendwie angesprochen, irgendwie aber auch nicht. „Also ich bleibe hier sitzen, wenn ihr beiden Hübschen es noch eine Weile mit mir aushaltet“, meint er breitbeinig, und da ist der Platz auch schon wieder besetzt.
 
Die ausgeprägte Schmerzfreiheit des Großmauls macht mich – leider – sprachlos, was zu einer kurzfristigen, aber umso tiefer sitzenden Missstimmung meinerseits führt. Als später noch eine Mitfahrerin aussteigt und ich diesmal die Gelegenheit nutze mich vorzusetzen, meint der Witzbold: „Jetzt ist wohl Schluss mit dem Kuschelmodus.“
 
Definitiv. Was mich angeht, haben seine Baumstammschenkel meine Hüfte lange genug malträtiert. Ist dem das egal?, das wüsste ich gerne mal, das kann einer doch unmöglich ignorieren.
 
Flo unterhält uns mit ein paar Sexgeschichten aus seinem Liebesbus, wie er sein Gefährt gerne nennt, dessen Kredit er, langsam nährt sich das Eichhörnchen, von den Beiträgen der Mitfahrer abstottert. Er habe schon ein oder zwei Paare zusammengeführt, darauf ist er mächtig stolz. Was ihn wurmt: Ein Kumpel hatte sich auf einer Fete den Busschlüssel von ihm organisiert, angeblich, um seinen liegengebliebenen Pullover raus zu holen. Nach einer Stunde brachte der Kumpel den Schlüssel zurück, händchenhaltend mit seiner Freundin, „beide so die voll happy Strahlegesichter“, und Flo wusste sofort – „boah nee!, echt jetzt?“ – was passiert war: „In Wirklichkeit hat der mit seiner Freundin meinen Bus entweiht, noch bevor ich ihn mit meiner Frau einweihen konnte. Die war so was von angepisst, könnt ihr euch ja vorstellen!“
 
Ja, können wir. Fünffach bedauerndes Nicken, und wir erfahren, wo die beiden noch überall rumgevögelt haben – auf der Bowlingbahn, im Wartezimmer des Gynäkologen … und dass sie in diesem Frühjahr heiraten werden und Flo schon dabei ist, den Junggesellenabschied zu organisieren. Um zwanzig Uhr sind wir endlich in B.N., drei Stunden mehr Fahrtzeit als mit der Bahn, bei dreißig gesparten Euros …
 
Heute Morgen, während ich mir die Nase putze und mit Otriven behandle, denke ich darüber nach, dass meine Erkältung irgendwie gar keine typische Erkältung ist, da sagt PM: „Na, was macht dein Heuschnupfen?“ Ich gucke ihn an, und er meint: „Ja klar, ist doch wieder soweit. März, die Pollen! Auch wenn’s noch so kalt ist.“
 
Komisch, hatte ich einfach vergessen. Dabei hab ich das doch schon so lange und jedes Frühjahr wieder.
 
Das ist es, was ich an PM so mag: Er macht nicht viele Worte. Er wirft einen Blick auf eine Sache und weiß Bescheid.