Der Oberboss vom Bosporus

Jan Böhmermanns Schmähgedicht gegen  Recep Tayyip Erdogan  schlägt international Wellen. Ob er das eingeplant hat oder nicht, ist eigentlich wurscht. Ob er auf die Solidarität anderer Künstler gesetzt hat? Gar auf Angela Merkels Solidarität? Die bekommt er nicht, auch wenn sie politisch klug gewesen wäre. So macht die kurze Wirkungsgeschichte des Böhmermann’schen Gedichts eines immer deutlicher: Merkel verlässt mit ihrem schmutzigen Flüchtlingsdeal mit der Türkei den Weg von Recht und Moral. Denn wer sich mit dem Teufel einlässt, muss auch dessen Suppe auslöffeln – und kann auf lästige Satiriker keine Rücksicht nehmen, Meinungsfreiheit hin oder her.

Schließlich will sie ja was von dem Oberboss vom Bosporus. Der sollen den Flüchtlingsjob machen, wozu 28 EU-Staaten nicht in der Lage sind. Dafür müssen wir eben ein bisschen Erpressung in Kauf nehmen, dafür darf er die Menschenrechte im eigenen Land ein bisschen mit den Füßen treten und dafür verschonen die deutschen Leitmedien ihn seit geraumer Zeit mit Kritik.

Wen wundert’s da, dass ErdowiErdowoErdogan langsam die Gebaren eines großosmanischen Despoten annimmt? Schon in der Vergangenheit entließ er ungeniert seine Träumereien vom heimatlichen Sessel in die Öffentlichkeit (Die türkische Fahne auf der Feste Jerusalem!). Jetzt scheint ihm der Zeitpunkt gekommen, auch den Deutschen mit ihrer ewigen Weicheierei eine Kostprobe seiner Demokratieversion zu verabreichen: Schluss mit Kunst- und Pressefreiheit! Was bildet sich ein böser Mann wie Böhmermann mit seinem frechen Schmähgedicht denn überhaupt ein? Ist damit nicht gar das gesamte türkische Volk diskreditiert?

Und schon springen ihm auch deutsche Journalisten in vorauseilendem Gehorsam bei: Böhmermann sei schon immer so no-go gewesen, das Gedicht geschmacklos, unter der Gürtellinie usw – gähn!

Bloß, darum geht es gar nicht. Merkel spielt sich ja nicht als literarische Geschmackspolizei auf. Indem sie Erdowahn den Steigbügel hält und verkünden lässt, Böhmermanns Text sei „bewusst verletzend“ (ja, so ist sie, die Satire), hat ihre Verurteilung eine politische Dimension. Dem türkischen Präsidenten sind damit Tür und Tor geöffnet, seine Vorstellungen von Freiheit auch bei uns zu installieren.

Das Klagegesuch des Gekränkten Präsidenten verwirrt die Gemüter. Das ist ein neues Kapitel der Diplomatie, das hier aufgeschlagen wird, wie der Merkel’sche Schlingerkurs anschaulich belegt. Fragen wir uns lieber nicht, was passiert wäre, wenn ein Putin die gleiche Forderung gestellt hätte, angenommen Böhmermann hätte ihm ein Gedicht gewidmet. Die Leitmedien würden sich totlachen. Anders bei Erdogan. Aber der ist ja auch unser neuer Premiumpartner. Und wenn der neue Premiumpartner mal eben in sieben deutschen Großestädten sog. „Anti-Terror-Demonstrationen“ anleiert, um „die Existenz nationalistisch-islamischer Überzeugungen unter in Deutschland lebenden türkischstämmigen Einwohnern als Machtfaktor zu präsentieren„, und selbst wenn er dafür die rechtsextremen „Grauen Wölfe“ mobilisiert – man staunt, schluckt und arrangiert sich.

Warum kann Merkel zu ihrem neuen Freund nicht einfach sagen: „Erdo, das ist nicht meine Sache, dazu müssen sich andere äußern. Lach doch drüber, lass uns was Kräftiges trinken, und dann legst du dich erstmal schlafen.“ So, wie sie es wahrscheinlich selber gemacht hat, als sie in Griechenland mit Hitler verglichen wurde.

Statt dessen versichert sie dem Präsidenten, dass das Schmähgedicht bereits aus dem Netz, ähm, aus der ZDF-Mediathek gelöscht sei. Ein an sich schon befremdlicher Vorgang, ist das ZDF jetzt Regierungssender?

Böhmermann wird die Kunstfreiheit abgesprochen; sein Schmähstück wird als entartete Kunst gehandelt. Das ist die logische Steigerung der verhüllten Statuen in Rom anlässlich des Besuchs des iranischen Präsidenten Rohani. Was kommt als nächstes? Sollten Satiriker in Zukunft besser ihre Werke im Kanzleramt absegnen lassen, um sicher zu stellen, dass sie die politischen Pläne der Kanzlerin nicht durchkreuzen?

Wenn Böhmermann eines erreicht hat, dann ist es aufzuzeigen, wie schnell die demokratischen Grundfesten durch politische Interessen ins Wanken geraten. Wehret den Anfängen.