Love Tübingen

Love Tübingen

Du gehst durch die Hafengasse, und aus irgendeinem offenen Fenster wummert feinster Punk-Rock.
Du redest mit deiner schlauen Mitbewohnerin beim Frühstück, bevor ihr zur Arbeit geht, über wissenschaftstheoretische Ansätze.
Dich überfällt nächtlicher Heißhunger auf Pommes frites, die du in bester Machart morgens um eins im X bekommst.
Du brauchst ein sehr spezielles Buch über ein sehr spezielles Problem, und die Buchhändlerin – die mit den legendären selbstgeschneiderten Wallegewändern – zieht, als wäre es für dich geschrieben, „Unser allerbestes Jahr“ von David Gilmour aus dem Regal.
Du wechselst die Straßenseite, weil dir der Tagblatt-Redakteur entgegenkommt, der dich vor über zehn Jahren in die Pfanne gehauen hat, und weil du weißt und er weiß es auch, dass alte Feindschaften gepflegt werden müssen.
Du bewunderst im Schaufenster die Plateausohlen der Frühjahrsmodelle, und da latscht dir die Exfreundin deines Sohnes durchs gespiegelte Blickfeld (und hält dir ihren Babybauch hin und lässt so nebenbei fallen, dass sie jetzt mit dem Sohn deiner Kollegin B. zusammen ist, wie hat sie den denn? …), weiter die Mutter der Freundin deiner Tochter, dann der stets gut informierte Kollege vom „Amt“ und knapp danach die Frau des Schriftstellerkollegen (echt jetzt? Ne Recherchereise?), und wahrscheinlich wirst du vier irre gute Geschichten erzählt bekommen, für die du glatt die Schuhe links liegen lässt.
Du gehst mal wieder ins Kino und genießt einen höchst exotischen Streifen aus der Reihe Film & Psychoanalyse, erfährst was über Mütter und Söhne und einen spanischen Newcomer und bekommst in der anschließenden Diskussion gratis die Weisheiten der prominentesten Analytiker zu hören.
Ebenfalls gratis und dann noch draußen ist das Ract-Festival, das heute Abend bedauerlicherweise unter übelsten Wetterbedingungen startet und wo feinster und weniger feiner, aber immer wieder Punkrock aufgespielt wird, der jetzt schon bassig und drummig wie eine Verheißung über die Baumwipfel des Anlagenparks wabert …