Auf dem Nebelpodium

Sterben tun nur die anderen. Und dieses Jahr steben gefühlt irgendwie besonders viele. Jedenfalls viele, um die wir ganz besonders trauern. David Bowie, Prince, Götz George und einen Tag später Bud Spencer – was ist da nur los?

Da ist gar nichts los. Es sterben so viele, wie immer sterben. Nur sind das jetzt verstärkt Leute aus der Generation, die viel zu unserer Kultur beigetragen haben, die wir kennen und die uns vertraut sind. Mit denen wir aufgewachsen sind. Deren Gesichter und deren Ideen zu unserem Leben gehört haben. Ob sie schon dran sind oder viel zu früh sterben, wie immer wieder zu lesen ist, sei dahin gestellt. Wann ist einer schon dran oder wann ist zu früh? Die Musiker, Schauspieler, Künstler, Schriftsteller, die sterben und deren Tod uns betroffen macht, weil wir uns ohne sie irgendwie allein gelassen vorkommen, sind Leute, die zur Zeit der 68-Bewegung jung waren. Rock’n Roller im Geiste und manche in Tat, ausgestattet mit atemberaubenden Energien, ihre Ideen durchzusetzen, unbeirrt und zielgerichtet, weil sie hundertprozentig davon überzeugt waren, dass die Welt auf ihre Ideen gewartet hat, auch und gerade im Alleingang, da Einzelgänger oft die besten Ideen haben. Sie haben vielleicht nicht immer ganz gesund gelebt und in Kauf genommen, dass ein intensives Leben nicht immer ein langes Leben sein kann. Rupert Neudeck, Peter Behrens, Roger Willemsen, Wolle Rohde, Keith Emerson, Peter Lustig, Paul Kantner sind Namen, die auf einmal in den Nachrichten fallen und bei denen wir erschrecken. Bilder tauchen auf, Musikstücke, Texte, Filme, aus und in ihrem Geist entstanden und in die Welt hinausgeflogen, zu uns, die wir sie als Inspirationsquelle für eigene Nachfolge-Ideen aufnahmen.

Aber da sind auch Imre Kertesz, Hugo Strasser, Sir George Martin, Umberto Eco, Elie Wiesel, Ettore Scola, Benoit Groult – zehn, zwanzig Jahre älter, die Generation unserer, meiner Eltern, herausgehobene Leute, die nicht im Gleichschritt marschiert sind, die anders waren, die sich Rechte rausnahmen und auf Relevanz pochten, indem sie ihren subjektiven Themen intensiv und mit Leidenschaft nachgingen, weil sie gar nicht anders konnten, um der miefigen, angepassten Allvergessenheit der Nachkriegsgeneration und der damit verbundenen kleinbürgerlichen Gleichförmigkeit zu entkommen.

Salz auf unserer Haut von Benoit Groult war mal eines meiner literarischen Vorbilder, die Biographie der Autorin steht für mich für weibliche Selbstbestimmtheit in der Tradition einer Simone de Beauvoir. Groult ist 96 Jahre alt geworden.

David Bowie war erst 69. Auch er hat sein Ding unabhängig vom Mainstream gemacht, war irgendwie der jung gebliebene Ausprobierer in musikalischer, klamottentechnischer, sexueller Hinsicht. Jedesmal dieser Stich, wenn ich mal wieder kapieren muss, dass es ihn nicht mehr gibt. Jedes seiner Lieder ein Schuss direkt ins Herz (manchmal erst nach zwei, drei Mal Hinhören; Stücke, die du dir erarbeiten musst). Konkrete Situationen, in ihrer Eindeutigkeit unvergessen, bleiben mir. Das Album Black Star, unmittelbar nach Erscheinen gekauft und in höchstem Maße davon verwirrt, weil seine Todkrankheit noch nicht bekannt, kann ich seitdem nicht mehr oder noch nicht wieder hören. Bowie, das wissen wir jetzt, ist der schwarze Stern, dessen Leuchten erloschen ist. Aber in jedem seiner Stücke ist er so transparent, so sichtbar in seiner Menschlichkeit, dass es fast weh tut.

Und so ist es ja irgendwie mit all diesen Toten. Sie stellen unser Leben dar. Wenn sie gehen, vorbei an den Planeten in die Rock’n Roll-Galaxis aufs Nebelpodium, geht ein Stück von uns mit ihnen.