Potential

Kreative Lebensmodelle Zu viele Menschen leben zu alleine in zu großen Wohnungen und schlucken zu viele Tabletten gegen zu viel Traurigkeit und gegen zu wenig Perspektiven.

Heute Morgen habe ich direkt einen neuen Beruf erfunden: Lebensbegleiterin.

Natürlich ist der nicht neu, früher hieß das Gesellschafterin (ich glaube, es gab ihn nur in der weiblichen Variante), aber das ist es ja, worauf es ankommt, alte Dinge mit einem neuen Namen zu versehen, und schon hast du das Gefühl, die Welt neu erfunden zu haben (Prinzip der Schuldidaktik, das Neueste ist jetzt der Erzählende Lehrer, ha!, das nur nebenbei).
 
Warum sind so viele Menschen, speziell alte Menschen, einsam? Warum leben Menschen, die noch laufen und denken können, in Altersheimen? Warum sitzen andere alte oder auch nicht so alte Menschen ganz alleine in ihren großen Häusern oder in ihren zu groß gewordenen Wohnungen, verläppern den Tag mit Fernsehen und Selbstgesprächen und Saufen und Tablettenschlucken gegen depressive Verstimmungen oder gegen Einschlafstörung, anstatt bei anderen Alleinmenschen zu klingeln und zu sagen, Hallo, hier bin ich, ich hab eigentlich nicht wirklich was zum Tun, wie wäre es mit uns beiden, wie wäre es, wenn ich jetzt mal was für Sie tue?
 
Jerome und Beret. Schön war das, für mich, für sie, die ganze letzte Woche bei ihnen zu sein, ihnen zu helfen, mir von ihnen helfen zu lassen, zu spüren, wir fangen was miteinander an und es ist unendlich viel besser und klüger, miteinander den Tag zu verbringen als jeder für sich, jeder in seiner Zelle, jeder mit seinen Problemen allein. Das vor allem: Allein. Mit Problemen oder ohne. Alleinsein jedenfalls ist nicht gut. So ist der Mensch nicht gedacht, denke ich, als Alleinseier. Sind wir aber, wenn man die Statistiken, besonders, was die Großstädte angeht, ernst nimmt. Der Singlehaushalt ist unaufhaltsam im Vormarsch, die minikleinen Brot- und Kartoffelpackungen in den Supermärkten, die Ein- oder Zweizimmerappartements, wo du ganz alleine unglücklich sein darfst und niemand kriegt es mit.
 
Warum nicht? Alle sollten es mitkriegen! Wir, ich, sind/bin die innovative Generation, die die Wohngemeinschaft gesellschaftsfähig gemacht hat. Wo sind die Nichtstudierenden-WGs? Wo sind die kreativen Neuberufe, die jetzt her müssen?
 
Wir sind gut ausgebildet, wir wissen viel, wir können viel. Ich bin gut ausgebildet, ich weiß viel, ich kann viel. Ich bin gesund. Ich kann mich bewegen. Ich kann denken. Ich kann mitdenken. Ich kann zuhören. Ich kann viel bewegen! POTENTIAL, wohin ich sehe – ich könnte da doch mal was draus machen. Beispielsweise im Krankenhaus am Bett eines verzagten und ängstlichen Menschen sitzen, wie ich das bei meinem sterbenden Vater gemacht habe, und zuhören. Ich vermute mal, mein Vater ist nicht der einzige Verzagte unter der Sonne gewesen, und oft ist es einfacher, sich Fremden zu öffnen als der eigenen Tochter.
 
Das gleiche könnte ich mir auch in einer Privatwohnung vorstellen. Bei einem Menschen, der mir sympathisch ist, der mich braucht und von dem ich mir ausmalen könnte, dass auch ich ihn brauche. Anders vielleicht, ungleichzeitig vielleicht, doch zwischen zwei oder mehr Menschen gibt es immer eine Wechselwirkung, eine Gegenseitigkeit. Die vorher gar nicht einzuschätzen ist. Das gilt es auszutesten.
 
Man könnte es ausbauen, dieses Modell. Interessenverbände, Internetplattformen, Geschäftsmodelle. Das zu geringe Gehalt, die Rente damit aufbessern, bar Kralle als Freundschaftsdienst, oder ganz offiziell mit Steuerabgabe.
 
Hausaufgabenbetreuung. Wäre auch so was.
 
Gebrauchtwerden ist, was gut tut. Aufstehen, Krone richten und weitergehen, ist einer dieser funny Sprüche. Weitergehen, wohin? Was brauche ich, was brauchen wir? Mich selber ernst zu nehmen bringt mich auf Perspektiven! Da fängt es erst an, spannend zu werden. Ohne Perspektiven werde ich depressiv. Es gibt exakt so viele Wege, wie ich bereit bin zu sehen.