Intensive Zeiten

Sie kommen fast gleichzeitig, I. und G . und Dorle mit ihrer Schwester.
 
Die Gemüseantipasti – Anregung aus Italien – sind jetzt durchgezogen und angerichtet, die Schollenfilets schmoren noch im Ofen. Arbeitsteilung: Ich hab die Antipasti gemacht, PM den Fisch. Einkaufen vorher im Kaufland (maximal scheußlicher Supermarkt, den ich am liebsten meide, hier befallen mich immer noch Ansätze meiner alten Phobieattacken.)
 
G. ist von der Chemo gezeichnet, ist aber guter Dinge und bei Kräften, wie man so sagt. Er und I. sind mit den Fahrrädern gekommen, sie haben ein Buch mit grün-goldenem Einband – Die Krähe von Kader Abdolah -, zwei Flaschen Pinot Grigio und Herbstblumen aus dem Garten mitgebracht und Hunger.
 
Dorles Schwester lebt in Kanada; natürlich ist CETA ein Thema. Ich bekomme regelmäßig die Updates zur Petition Bürgerklage gegen CETA, die von Marianne Grimmenstein initiiert ist und die ich mit unterschrieben habe. Grimmenstein ist eine Musiklehrerin aus Lüdenscheid. Sie will TTIP und CETA stoppen, weil die Abkommen unsere sozialen und ökologischen Errungenschaften bedrohen, wie jetzt langsam jeder weiß, der sich die Mühe macht sich zu informieren. Deshalb hat sie 2014 mal eben beim Bundesverfassungsgericht eine Verfassungsbeschwerde eingereicht. Diese wurde, da etwas laienhaft formuliert, abgelehnt. So holte Grimmenstein sich den renommierten Rechtsprofessor Dr. A. Fisahn von der Uni Bielefeld zur Hilfe, der den Text überarbeitete, erneut einreichte und Grimmenstein nun in der Angelegenheit vertritt.
 
Dorles Schwester ist Medizinarchäologin und interessiert sich nicht für CETA. Sie erzählt von den Häusern in Kanada. Offenbar bauen sie dort ganz anders als bei uns. Die Häuser sind komplett aus Holz, auch die, die keine Blockhütten sind.  Das wissen wir nun auch. 
 
PM wird wieder mal gefragt, wieso er in der DDR Medizin studieren konnte, als Nicht-Arbeiter-Kind. Er regt sich darüber nicht mehr auf. Und schließlich haben sie in der DDR über Westdeutsche genauso einen Bullshit kolportiert wie bei uns über die DDR.
 
G. freut sich an dem Gequatsche und am Weißwein und am abschließenden Limoncello aus Menton. Meine Terrasse wird besichtigt und für gut befunden. Tisch und Stühle habe ich nochmal geölt und mit einer Plane abgedeckt. Ganz professionell. Wir sehen hinunter in den Hof, in die hell erleuchteten, gardinenlosen Fenster ringsum, rechts das von Wolfgang, und auf die sanft bestrahlte Stiftskirche weiter hinten. Das Schloss liegt im Dunkel der Stadt, es wird nachts nie bestrahlt, es ist ja auch hässlich.
 
Wir reden über Tagebücher und Fotoalben, beides Dokumentationsformate, die entweder von nachlassender Motivation oder vom Vollständigkeitswahn bedroht sind, je nach Akteur. Für Letzteres stehen die mega aufwändigen Alben meines Vaters, 58 an der Zahl und jede einzelne Seite eine verblüffende Collage aus Fotos, abgelösten Weinetiketten, Billets, Rechnungen u.v.a., um die minutiös dokumentierten Angaben sämtlicher Unternehmungen seiner 88 Lebensjahre – bis auf die Kriegsjahre – zu illustrieren. Ich sage, dass keiner wisse, wohin damit. G. lächelt I. an und sagt: „Also, meine müsst ihr mal nicht aufheben!“, und das ist das einzige Mal an dem Abend, dass seine Krankheit in den Fokus rückt und dass wir alle traurig werden.
 
Solche Abende sind das, was in Erinnerung bleibt. PM behauptet, seine intensivste Zeit sei die Erfurter Zeit gewesen. Das irritiert mich. Nicht nur, weil ich nicht dabei war. Ich wüsste einfach nicht zu sagen, wann meine intensivste Zeit war. Immerzu gibt es doch intensive Augenblicke, Tage, Zeiten. Jetzt zum Beispiel. Jetzt, in diesem Augenblick, habe ich das deutliche Gefühl, das Leben pocht in meinen Adern. Es ist ganz still, nur Steves Gähnen hinter seiner Tür. Das Laub leuchtet in allen Grünschattierungen vor dem Küchenfenster, wir hatten einen schönen Abend mit Freunden und da ist schon eine Verabredung für den nächsten schönen Abend, PM ist abgefahren und ich vermisse ihn, aber in einer Woche fahre ich nach B.N., und von da gehts weiter nach Berlin. Ich habe etwas vor.
Vorfreude.
Ich glaube, wenn ich nichts mehr vorhabe, ist mein Leben vorbei.