Gefangen

Zeit nimmt mich gefangen. Stimmungen nehmen mich gefangen. Bilder nehmen mich gefangen. Arbeit nimmt mich gefangen. Liebe nimmt mich gefangen. Geld nimmt mich gefangen. Musik nimmt mich gefangen. Familie nimmt mich gefangen.
„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt. Die Freiheit der Person ist unverletzlich.“
Als der Zug mit zweistündiger Verspätung im Bahnhof einfährt, ist ihr Stimmungsbarometer ganz unten. Die Tür wird aufgerissen. Menschen mit rot verschwitzten Backen stolpern raus, den ungeduldig Wartenden in die Arme. Die Frau, die heulend über dem Kinderwagen zusammenbricht, und das Kind, das ihr mit irgendeinem Holzgegenstand mal eben auf den Kopf haut, was die Frau wieder zur Raison bringt, dieses Bild nimmt sie mit. Sie hat unterwegs arbeiten können, fast fertig, das macht ihre Schritte leicht. Ganz am Ende des Bahnsteiges sieht sie hinter einem Betonpfeiler die Schuhspitzen von Max. Wie immer denkt er, sie sieht ihn nicht, wie immer spielt sie sein Spiel mit und schreckt überrascht zusammen, als sie mit Rucksack und Laptoptasche auf seiner Höhe angekommen ist. Ein Zombie aus den Bahnhofskatakomben stakst auf sie zu und fragt mitten in die Umarmung rein nach einem Euro. Max greift in seine Jackentasche, die Münzen klimpern eine Melodie, der Zombie lacht und zeigt schwarze Zahnreste in grauem Zahnfleisch. „Eine ganz kaputte Uhr“, sagt Max mitleidig, als der Zombie sich trollt, „der wird’s nicht mehr lange machen.“
Das schlechte Gewissen regt sich planmäßig, wir sind satt, wir haben alles, wir steigen in das viel zu große Auto mit seinem satten, maßvoll runtergedimmten Fahrgeräusch und fahren Wärme, Kerzenlicht und Schampus entgegen.
Gefangen auf hohem Niveau.

_______________
Schreibmeditation: „Gefangen“