Beiß!

Dr. K., den ich manchmal Frau Tietze nenne und der mir in einer begrenzten, höchst prekären Situation das Leben gerettet hat, um das mal direkt beim Namen zu nennen, faltet mich mal wieder nach allen Regeln seiner Kunst zusammen. (Er weiß, dass ich mich später wieder ent-falte). Ich bin deprimiert wegen der Sache mit meiner Zahnbehandlung, einer never ending story, und er fängt an: Sie trauen Ihrer Bisskraft nicht, Sie haben Angst zu beißen, Sie opfern(!) lieber Ihre Zähne anstatt zu beißen und so weiter und so fort, das geht ziemlich lange, das setzt mir zu, das macht mich regelrecht sauer: Krankheit als Schuldzuweisung?

Das Denken fängt dann von selber an (meine ungezählten Zahnträume?), und ich, um das jetzt mal zu verkürzen, fange an, ohne Schere im Kopf, ohne verkomplizierende Abwägungen, die Dinge einfach zu tun, die situationsbedingt auf der Hand liegen, die ich aber am liebsten bleiben lassen würde (und im Normalfall auch bleiben lasse), weil zu befürchten steht, dass ich mich angreifbar mache, dass jemand Vermutungen über mich anstellt, dass jemand mich nicht mehr lieben könnte and so on, diese Gedankenspirale eben, die nichts Gutes bewirkt, außer dass du deine Deckung nicht verlassen musst – à la „Die Geschichte mit dem Hammer“ von Watzlawick.

Ich bin entsetzt, wie oft am Tag der vergleichbare Fall eintritt (wie oft am Tag ich mir den Zahn ziehe).

Harmlose Geschichte: Ein Typ sitzt mir im Zug gegenüber, nervt mich ohne Ende durch hysterisches Rotzhochziehen, der Platz nebenan wird frei, ich könnte mich umsetzen, aber was denkt der dann, der weiß ja dann, dass … na und?, dann weiß er es, das lässt sich nicht ändern, ich pack meine Tasche und stehe auf und atme langsamer als sonst und mache den entscheidenden Schritt auf die andere Seite, ja, da guckst du!, und lebe noch und lebe sogar ein klitzekleines Fünkchen besser als davor.

Für andere vielleicht kein Ding, für mich ein Lernprozess. Beißen statt vermeiden. Streiten mit der Kollegin – und sich hinterher großartig fühlen! Weil richtiges Streiten etwas verändert. Das erlebe ich jetzt. Das sind die Hausaufgaben eines repressiv erzogenen, verschüchterten Mädchens, das mit zwei Jahren fast verhungert wäre und mit zwölf den definitiv letzten Knicks gemacht hat und das schon für eine Revolte hielt und das immer noch so verdammt viel lernen muss.

Diagnose chronische Wurzelentzündung? Die Kontrolle über sich selbst zu gewinnen, ist die Freiheit, die ich meine … Sie fängt gerade an.