Postfaktisch

Aufschreckende Nachrichten zum 4. Advent: Eine renommierte deutsche Auslandsschule in Istanbul, das Istanbul Lisesi, erteilt Weihnachtsverbot!

Das Kollegium der deutschen Abteilung der Schule habe von der türkischen Schulleitung eine E-Mail mit der entsprechenden Weisung erhalten. Danach dürfen die 35 LehrerInnen ihren SchülerInnen keine deutschen Weihnachtsbräuche mehr nahebringen: Keine Weihnachtslieder und -geschichten, keine Plätzchen und Kerzen, kein Adventskalender, keine Teilnahme des Schulchors am traditionellen Weihnachtskonzert im deutschen Generalkonsulat. Die intensive Beschäftigung mit Weihnachtsbräuchen werde in der Türkei als Provokation empfunden.

Deutsche Politiker aller Parteien zeigen sich empört, und auch das weltweite Netz diskutiert die Sache rauf und runter. An der Echtheit der Mail gibt es wohl keine Zweifel, angeblich liegt sie der Deutschen Nachrichtenagentur dpa vor.

Doch die Schulleitung dementiert den Erlass eines Weihnachtsverbotes. Das entspreche nicht der Wahrheit, heißt es in einer am Sonntagabend auf der Homepage der Schule veröffentlichten Mitteilung. Das türkische Bildungsministerium äußert sich bisher nicht zu der Weisung, ebenso wenig wie die deutsche Abteilungsleitung der Schule.

AKP-Anhänger dagegen verbreiten auf Facebook und Twitter, dass es sich um von Deutschland ausgehende Fake News handle, mit dem Ziel, die Türkei zu verunglimpfen.

Wer lügt hier wen an?

Handelt es sich gar um einen brandaktuellen Fall von postfaktischem Umgang mit der Wahrheit?

Was ist das überhaupt, die Wahrheit?

Und was ist das Substantiv von postfaktisch?

Egal, das Adjektiv jedenfalls beschreibt „Umstände, in denen die öffentliche Meinung weniger durch objektive Tatsachen als durch das Hervorrufen von Gefühlen und persönlichen Überzeugungen beeinflusst wird“, heißt es in einem Auszug aus dem Oxford Dictionary über das frisch gekürte Word of the Year 2016 „post-truth“:

„Angetrieben von dem Aufstieg der Sozialen Medien als Nachrichtenquelle und einem wachsenden Misstrauen gegenüber Fakten, die vom Establishment angeboten werden“, habe das Konzept des Postfaktischen – Post-truth – seit einiger Zeit an Boden gewonnen, sagte Oxford-Dictionaries-Chef Casper Grathwohl zur Begründung des Sieger-Wortes.

Nun macht das Wort ja auch bei uns gerade Karriere. Denn auch die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) hat „postfaktisch“ kürzlich zum Wort des Jahres 2016 gewählt. Hauptkriterium hier wie dort: Es muss aktuelle sprachliche Trends zusammenfassen.

Wie die GfdS erläutert, verweise das Kunstwort „postfaktisch“ darauf, „dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht“. Es gebe eine globale Entwicklung „von der Wahrheit zur gefühlten Wahrheit“. In diesem „tiefgreifenden politischen Wandel“ seien immer größere Bevölkerungsschichten „in ihrem Widerwillen gegen ,die da oben‘ bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen zu akzeptieren“.

Das Präfix „post“ steht laut GfdS für „die Vorstellung einer neuen Epoche“.

Aha! Und was soll das für eine Epoche sein? In der jeder sagen, schreiben, Nachrichtenbilder fälschen, behaupten und bestreiten kann, wie er will? Weil er es so FÜHLT?

Und wer ist im vorliegenden Fall der Postfaktischere? Die türkische Schulleitung oder unsere Nachrichtenmedien oder gar die AKP? Und wer entscheidet den Kampf? Und was ist, wenn dann nachträglich die wirkliche Wahrheit ans Licht kommt? Versenden sich die Lügengeschichten einfach?

Ja, ich glaube, so wird es sein. Man kann’s ja mal versuchen. Und wenn’s nicht klappt, werden die Leute es schon vergessen. Weil längst die nächste Sau durchs Fernsehdorf getrieben wird.

Märchenonkels und -tanten unter sich, das ist postfaktisch.