Totschlagargument und Rückwärtsgewandtheit

Manche (virtuelle) Freunde braucht man offenbar ausschließlich, um die Grenzen seines eigenen Standpunktes zu schärfen. Anders ausgedrückt: Um den Standpunkt des Gegners kennenzulernen. Kollateralwissen, sozusagen. Nicht ganz unwichtig für diejenigen, die nicht immer nur im eigenen Grießbrei rumwaten wollen.

Scheinen aber nicht alle so zu sehen. Wer anders denkt, wird gerne mal entfreundet. Oder ganz brachial in irgendwelche Schubladen gestopft. Damit ihm vorerst das Maul gestopft ist.

Die in den sozialen Medien geäußerte Fordung zum Beispiel, dass Deutschland Einwanderungsland wird nach kanadischem Vorbild, wird damit beantwortet, dass du so schnell, wie du gar nicht gucken kannst, dem AfD-Lager zugeschlagen wirst. Oups, wusste ich noch gar nicht. Jetzt bin ich also schwer rechts?

Die politische Diskussion leidet meines Erachtens heute an zwei ganz beschissenen Mechanismen: Dem Totschlagargument („AfD-Sympathisant“, „Putinversteher“) und der Rückwärtsgewandtheit.

Vielleicht hängt beides auch zusammen. Jedenfalls wendet sich der Diskussionsstil gerade um 360 Grad, gaaaaanz weit zurück, sagen wir, in die frühen Siebziger, obwohl ich da noch gar keine politischen Diskussionen geführt habe, aber ich kenne noch so die alten Opa-Argumente.

Eine Sechzehnjährige behauptete gestern mir gegenüber, Frauen, die sich aufreizend anziehen, seien selber Schuld, wenn sie vergewaltigt werden! Wer einen Pullover mit Ausschnitt trägt oder einen kurzen Rock, wisse doch, dass z.B. arabische Männer damit nicht klar kommen.

Sehr missbilligend schaute sie dabei auf meinen KNIE-langen Rock und meine Stiefeletten. Sie fügte hinzu, Frauen, die kurze (!) Röcke tragen, wären nur darauf aus, dass die Männer ihnen hinterhergeglotzen.

Ich werd nicht mehr! Mädels, die drei mal jünger sind als ich, hauen mir plötzlich die gleichen Argumente um die Ohren wie früher, in einem fast vergessenen Äon, die Alten. Das ist wahrhaftig frustrierend. Hatten wir das nicht alles schon mal erfolgreich bekämpft?