Eine Nacht, Markowitz

… Sie konnten in Europa geschneiderte Kleider tragen, nach europäischen Rezepten gebackene Torten essen … und Verse europäischer Dichter deklamieren. Doch sie konnten es nie mit der gleichen Leichtigkeit, der natürlichen Aristokratie derer tun, die wirklich und wahrhaftig Kinder Europas waren. Derer, die keine Juden waren.

Die ersehnte, unerträgliche Selbstverständlichkeit der Polen oder der Deutschen oder der Österreicher war unnachahmlich. Sogar hier in Palästina war sie unverwechselbar. Kam ein ausländischer Gast ins Café, erkannten ihn alle auf der Stelle. Er trank seinen Kaffee nicht irgendwie anders. Aber die Tatsache, dass er sich völlig wohl in seiner Haut fühlte, wehte ihm wie ein Banner voraus, und man sah es auch an seinen Schultern, die nur die  Last seines eigenen Lebenswegs, seiner eigenen Erinnerungen zu tragen hatten und keine zweitausend-Jahre-Verbannung- und- wer-weiß-was-noch-kommen-mag.

Die Cafégäste bestaunten diesen Fremden, der nur seine ureigenen Sorgen und Erinnerungen und Ängste schleppte, und dachte sich, wie schön es doch ist, wenn der Mensch einfach nur Mensch sein kann.

Dann wanderten verstohlene Blicke zu den Gästen an den Nebentischen, die selbst dann, wenn sie allein dasaßen, immer noch Ermordete der Pogrome und Opfer der Inquisition und aus Spanien Vertriebene und Aufständische gegen die Römer neben sich sitzen hatten und auch, warum nicht, die sechsunddreißig Gerechten, ohne die die Welt unterginge. Das ganze jüdische Volk drängte sich an den Kaffeehaustischen, selbst wenn die Stühle leer waren. (aus: Eine Nacht, Markowitz, S. 132)

 

Zwei- oder eher viertausend Jahre jüdische Geschichte müssen auch im Geist und in der Seele der jungen Autorin Ayelet Gundar-Goshen verankert sein. Wie sonst könnte sie ein solches Universum jüdischer Sinnlichkeit, Traditionen, Traurigkeiten und jüdischen Humors entstehen lassen?

Gundar-Goshen schreibt, wie Jurek Becker vielleicht heute schreiben würde: In der jüdischen Erzähltradition verwurzelt, aber moderner, viel sexyer, gewagter und gelegentlich auch ein bisschen temporeicher als der Schöpfer von Jakob, dem Lügner.

Doch meistens lässt sie sich Zeit. Der Sinn ihrer duftig betörenden Metaphern tröpfeln ganz langsam in dich rein. Du riechst und schmeckst die Geschichte, und nach spätestens 20 Seiten weißt du, dass die Wendungen genauso seltsam sein müssen, wie sie sind, dass die Charaktere genauso schräg sein müssen, wie Gundar-Goshen sie beschreibt, dass die Landschaft genauso fremd erscheinen muss, um ihre Bedeutung zu verstehen.

Für mich das schönste Buch seit langem. Warum? Weil es dich, während du es liest, verändert.